Hier könnt ihr einen kleinen Einblick in mein Leben, meinen Forscher-Werdegang und persönliche Themen erhalten.

Lymphknotenkrebs bei Kindern - Wie Forschung Heilung bringen kann

“Meine Familie hat Glück gehabt. So weit ich zurückdenken kann oder aus Erzählungen der Älteren weiss, hat bei uns noch kein Kind Krebs bekommen.”

So beginnt mein Artikel zur Aktion #4von5, der letztjährigen Kampagne des Vereins Kinderkrebs Schweiz. Darin erkläre ich – auch kindgerecht, was Krebs eigentlich ist, wie er entsteht und wie man Krebszellen bekämpfen kann.

Damals wie heute beteilige ich mich aus eigenem Antrieb und ohne Vergütung an der Kampagne. Es besteht kein Interessenkonflikt hinsichtlich des Inhalts in diesem Beitrag und dessen Publikation.

Vergangenes Jahr wünschte mir Leserin Eliane in einem Kommentar:

“…und ich hoffe, dir, deiner Familie und all deinen Bekannten bleibt das Glück weiterhin hold!”

Inzwischen ist ein Jahr vergangen und Kinderkrebs Schweiz hat eine neue Kampagne lanciert. Und weil das Schicksal manchmal wirklich ein mieser Verräter ist, hat meine Glückssträhne erst vor ein paar Tagen ein jähes Ende gefunden.

Meiner Familie geht es zwar weiterhin gut. Dafür bin ich unvermittelt in meinem Kundenkreis mit Kinderkrebs in Kontakt geraten. Wenn ich nämlich nicht für Keinsteins Kiste schreibe, helfe ich Schulkindern und Jugendlichen – nicht nur mit Chemie und Naturwissenschaften, sondern auch und vor allem mit Mathe und Deutsch.

Das passiert im “richtigen Leben” nicht…oder?

Ende letzter Woche ist nun einer meiner Nachhilfe-Schüler ohne Abmeldung nicht zum Unterricht gekommen. Nachdem er die vorherige Woche schon wegen Krankheit abgemeldet war. Normalerweise ist der Vater des Jungen sehr verlässlich, wenn es ums Abmelden geht. Da ging mir zumindest flüchtig durch den Kopf: “Hoffentlich ist da nichts schlimmeres…” Aber wird schon nicht, so etwas passiert schliesslich nicht in meinem Umfeld.

Eine kurze Nachfrage beim Vater meines Schüler förderte rasch zu Tage, wie töricht diese Annahme doch ist: Der Junge, so seine Antwort, sei immer noch im Spital, die Diagnose sei leider Lymphknotenkrebs. Oh mann. Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Mail mich derart umhauen kann. Was muss da solch eine Nachricht bloss bei Eltern auslösen? Dass sie vergessen haben, den Sohn bei mir abzumelden, wird da plötzlich mehr als nachvollziehbar. So viel Wichtigeres gibt es nun, was ihnen im Kopf herumgehen wird.

Und ich? Ich habe mir für die Antwort auf das Mail Zeit gelassen. Mich über Lymphknotenkrebs bei Kindern informiert. Um dann besonnene, hoffentlich kraftspendende Worte zu finden. Denn Kraft und Mut wünsche ich meinem Schüler – und allen anderen betroffenen Kindern und Familien – ganz viel, um bald wieder so gesund wie möglich zu werden.

Ist Lymphknotenkrebs heilbar?

So gesund wie möglich… gerade bei Lymphomen – wie die Krebsärzte die Lymphknotenkrebs-Arten nennen – ist da heute schon eine ganze Menge möglich. Fleissigen und tapferen grossen und kleinen Forschern sei Dank. Tatsächlich ist die Gruppe der Lymphknoten-Krebsarten die Dritthäufigste bei Kindern – nach den Leukämien und den Hirntumoren. So können heute weit mehr als vier von fünf Kindern mit einem (erstmals auftretenden) Lymphom geheilt werden, nämlich:

  • Mehr als 19 von 20 (95%) mit einem Hodgkin-Lymphom (auch “Morbus Hodgkin”, wie viele Krankheiten (lat. “morbus” = Krankheit) nach dem sie erstmals beschreibenden Arzt benannt)
  • 9 von 10 (90%) mit einem Non-Hodgkin-Lymphom (alle anderen Lymphome, die nicht “Morbus Hodgkin” sind)

(Zahlen in diesem Artikel – sofern nichts anderes genannt – und Einzelheiten zu den Lymphomen, ihrer Diagnose und Behandlung: Kinderkrebsinfo.de)

Das gelingt, weil die Ärzte heute nach vielen Studien schon sehr genau wissen, wie sie und ihre Patienten mit Lymphknotenkrebs fertig werden können. Mit Hilfe dieser Studien konnten Ärzte und Forscher nämlich ziemlich ausführliche Protokolle, also “Anleitungen” erstellen, in welchen genau steht, welche Methoden und welche Medikamente bei welcher Lymphom-Art wann zum Einsatz kommen sollten, was sie bewirken sollen und was man als nächstes macht, wenn sie das nicht tun.

Aber wo genau hilft die Forschung weiter?

Auf dem Weg zu diesen ausgeklügelten Anleitungen haben die Forscher in den letzten 40 Jahren – und werden fortlaufend – viele entscheidende Fortschritte gemacht. Ein paar der aktuellen Fortschritte und Forschungsfelder möchte ich euch heute im Rahmen von etwas Hintergrundwissen rund um Lymphome  vorstellen.

Was bedeutet “Lymphknotenkrebs”?

Die klassische Vorstellung von Krebs ist wohl die von einem ungehemmt wuchernden Zellklumpen an einer bestimmten Stelle des Körpers (ein sogenannter “solider Tumor”). Ein solcher kann oft in einer Operation entfernt werden, bevor mit Chemotherapie und/oder Bestrahlung verhindert werden soll, dass aus dem einen Tumor weitere hervorgehen.

Ein Lymphom ist kein “greifbar” festes Ding

Bei “Lymphknotenkrebs”, also einem Lymphom, geht das nicht so einfach (es sei denn, man hat Riesenmegaglück und bemerkt ihn wirklich sehr, sehr früh). Der entsteht nämlich, wie der Name sagt, im lymphatischen System. Und mit “lymphatisches System” meinen die Mediziner die Gesamtheit aller Organe, die zu unserem Immunsystem gehören.

Das sind eben die Lymphknoten, die als “Polizeiposten” des Immunsystems über den ganzen Körper verteilt und mit Immunzellen (hier: “Lymphozyten”) besetzt sind, die Lymphgefässe, die als Verkehrswege für die Immunzellen die Knoten miteinander und mit allen Körperregionen verbinden, das Knochenmark, in welchem die Immunzellen hergestellt werden, die Thymusdrüse, in welcher die Immunzellen lernen, was sie zu tun haben, und verschiedene andere Organe und Gewebe. Mit anderen Worten: Das lymphatisches System ist überall.

“Lymphknotenkrebs” entsteht nun, wenn Lymphozyten – jene Immunzellen, die das lymphatische System bevölkern, durch Abschreibfehler oder Beschädigung ihres Erbguts von aussen zu unkontrollierbaren Rabauken werden. Bei einem Hodgkin-Lymphom entstehen die Krebszellen aus den sogenannten B-Lymphozyten, bei den Non-Hodgkin-Lymphomen können es B- oder T-Lymphozyten sein. Und so, wie diese Immunzellen überall (aber vornehmlich im Lymphsystem) sein können, können auch die Krebszellen überall (aber vornehmlich im Lymphsystem) sein.

Wie macht sich Lymphknotenkrebs bemerkbar?

Häufig beginnen die Krebszellen in einem (oder wenigen) Lymphknoten ihr Unwesen zu treiben. Der schwillt dann an (tut aber in der Regel nicht weh) und kann, wenn er aussen liegt, unter der Haut ertastet werden (zum Beispiel am Hals, unter den Achseln oder in der Leistengegend). Das passiert aber häufig auch bei “harmlosen” Infektionen, zum Beispiel mit Viren. Geschwollene Lymphknoten sind also in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge, sondern ein Hinweis, dass ihr das Bett hüten und einen Infekt auskurieren solltet.

Wenn sie aber länger geschwollen bleiben oder gar grösser werden, wenn anhaltende Beschwerden wie:

  • Husten/Kurzatmigkeit bei Befall im Brustraum
  • Bauch- oder Rückenschmerzen bzw. Durchfall bei Befall im Bauchraum
  • Gliederschmerzen bei Befall der Knochen
  • Anämie-Anzeichen bei Befall des Knochenmarks
  • anhaltendes oder wiederkehrendes Fieber ohne klare Ursache
  • extremes Schwitzen in der Nacht
  • schneller, nicht erklärbarer Gewichtsverlust (mehr als 10% in 6 Monaten) 

dazu kommen oder allein auftreten, dann sollte ein Arzt untersuchen, was die Ursache dafür ist. Neben ganz vielen anderen Ursachen, unter welchen viele weit häufiger und weniger dramatisch sein werden, ist Lymphknotenkrebs dann nämlich auch eine Möglichkeit. Und der verläuft ohne Behandlung in aller Regel tödlich. Mit der Behandlung nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand kann er jedoch in den meisten Fällen geheilt werden.

Wie wird die Diagnose Lymphknotenkrebs gestellt?

Wenn der Verdacht auf Lymphknotenkrebs sich erhärtet, muss schliesslich im Spital ein Lymphknoten herausoperiert werden (wenn der aussen liegt und tastbar ist, geht das meist recht einfach unter örtlicher Betäubung), damit ein Spezialist sich die Zellen darin unter dem Mikroskop ansehen kann. Nur daran, wie die Zellen aussehen, kann man nämlich erkennen, ob sie Krebszellen sind und wenn ja, mit welcher Sorte Lymphom man es zu tun hat.

Mikroskopaufnahme einer Gewebeprobe aus einem Lymphknoten mit Hodgkin-Lymphom (mit HE-Färbung – die Farbstoffe Hämatoxylin und Eosin machen erhöhen den Kontrast zwischen den einzelnen Bestandteilen von Zellen und Gewebe): Die grossen, hellen Zellen mit mehreren Zellkernen nennen die Mediziner “Hodgkin-Reed-Sternberg”-Zellen. Sie sind die Krebszellen des Hodgkin-Lymphoms. (CC BY-SA 3.0 by KGH via Wikimedia Commons)

Danach machen sich die Ärzte mit bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronenemissionstomographie (PET, meist in Kombinantion als PET-CT oder/und PET-MRT) auf die Suche nach weiteren Krebszellen. Das klingt nicht nur nach Star Trek, sondern kommt dem schon ziemlich nahe! Mit modernen Maschinen wird dabei nämlich das Innere des Körpers sichtbar gemacht, ohne ihn öffnen zu müssen. So tut das Aufnehmen der Bilder nicht weh – allenfalls ist das MRT-Gerät etwas laut und braucht Zeit.

Dank Studien, in welchen man gezeigt hat, wie genau solche Geräte Krebszellen erkennen und darstellen können, sind unangenehmere und riskantere Eingriffe wie die Knochenmarksbiopsie zur Diagnose von Lymphknotenkrebs bereits durch bildgebende “Star Trek”-Verfahren ersetzt worden!

Wie wird Lymphknotenkrebs behandelt?

Wenn alle Krebszellen im Körper gefunden sind, wird ein Patient in eine zu ihrer Verteilung und seiner Verfassung passende Gruppe eingeteilt und nach der zu ihm passenden Anleitung behandelt.

Da man Krebszellen, die überall verteilt sein und sich bewegen können, nicht einfach wegschneiden kann (es sei denn, man hat das Riesenmegaglück, dass zur Diagnose der einzige befallene Lymphknoten entfernt wurde), muss bei Lymphomen eine Chemotherapie mit verschiedenen Wirkstoffen gemacht werden, die, je nachdem, wie fortgeschritten die entdeckte Krankheit ist, ziemlich intensiv sein kann. Das Behandlungsprotokoll, das die Erfahrung aus bisherigen Studien zusammenfasst, beschreibt genau, welche Medikamente dabei wann zum Einsatz kommen. Dabei wird in regelmässigen Abständen überprüft (mit den bildgebenden “Star-Trek”-Verfahren), welcher Fortschritt beim Abtöten der Krebszellen gemacht wird.

PET-CT-Gerät : Sieht nicht nur aus wie bei Star Trek, sondern kann hochauflösende Bilder vom Inneren des Körpers machen und (mit Hilfe eines Kontrastmittels) Krebszellen von gesunden Zellen unterscheidbar darstellen! (Brudersohn [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons )

Bei einem Hodgkin-Lymphom werden zudem die an einem bestimmten Punkt des Protokolls noch übrigen Krebszellen(-ansammlungen) bestrahlt (mit gebündelten Röntgenstrahlen oder mit Elementarteilchen). Bei den Non-Hodgkin-Lymphomen kommt Bestrahlung dagegen nur selten zum Einsatz.

Wird das Protokoll befolgt, sind an dessen Ende in den allermeisten Fällen so gut wie alle Krebszellen zerstört und die Kinder gelten vorläufig als geheilt. Vorläufig?

Kann der geheilte Lymphknotenkrebs wiederkommen?

Kann er. Bei durchschnittlich 11 von 100 Kindern mit Hodgkin-Lymphom und 25-35 von 100 Kindern mit Non-Hodgkin-Lymphomen beginnen die Krebszellen irgendwann von neuem damit, sich zu vermehren und auszubreiten. Das nennen die Ärzte dann ein “Rezidiv” – einen Rückfall. Wenn das mehr als ein Jahr nach der ersten Behandlung passiert, stehen die Chancen, die Krankheit endgültig zu besiegen, immer noch äusserst gut. Wenn der Rückfall früher passiert, sind die Heilungschancen merklich kleiner.

Gibt es denn einen Plan B?

Ja, den gibt es: Bei einem hartnäckigen Rückfall oder auch wenn bei der Erstbehandlung die übliche Therapie nicht wirkt, kann in vielen Fällen eine Stammzelltransplantation (mit eigenen, vor Beginn der Krebsbehandlung entnommenen Stammzellen oder von einem Spender) zur Heilung führen.

Noch als ich eine junge Erwachsene war, hätte an dieser Stelle “Knochenmarktransplantation” gestanden. Damals mussten die Stammzellen eines Spenders nämlich noch direkt aus dem Knochenmark entnommen werden (noch ein unangenehmer Eingriff), bevor sie dem Empfänger, dessen Immunsystem zuvor mit einer hochdosierten Chemotherapie regelrecht eingeebnet wird, übergeben werden konnten.

Heute können die Ärzte in den meisten Fällen stattdessen die Bildung von beweglichen Stammzellen im Spender anregen und sie aus dessen Blut “herausfiltern”. Danach kann der Spender gleich wieder nach Hause gehen, anstatt wie nach der Knochenmarksentnahme unter Vollnarkose noch ein paar Tage im Spital bleiben zu müssen. Auch den Patienten, die sich zur Eigenspende entschliessen, bleiben Narkose und OP auf diese Weise erspart. Somit haben Forscher auch in diesem Bereich äusserst nützliche Fortschritte gemacht.

Haben Chemotherapie und Strahlung nicht schlimme Nebenwirkungen?

Richtig. Und die beschränken sich leider nicht nur darauf, dass vielen Patienten während der Therapie ganz furchtbar schlecht wird. Denn die verwendeten Medikamente und Strahlen sind ja dazu gedacht, Zellen zu zerstören. Im besten Fall sind das die fiesen Krebszellen. Aber es lässt sich kaum vermeiden, dass auch die gesunden Zellen verschiedener Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Und das ist besonders bei Kindern kniffelig – die müssen ja noch wachsen und sollen eine sehr lange Zeit mit ihren Organen leben.

Und sie möchten vielleicht irgendwann einmal selbst Kinder haben. Letzteres kann für die sogenannten “Survivors” – die “Überlebenden” –  einer Lymphknotenkrebs-Erkrankung schwierig, wenn nicht unmöglich werden. Denn manche in der Chemotherapie verwendeten Medikamente oder Strahlung im Bereich des Unterbauchs können ihre Fortpflanzungszellen schädigen.

Deshalb werden auch zu so gut erforschten Kinderkrebs-Arten wie den Lymphomen laufend klinische Studien gemacht. In diesen wird fleissig daran geforscht, genau solche Medikamente durch andere, welche nicht unfruchtbar machen oder andere Organschäden verursachen, zu ersetzen.

Behandlungsprotokolle werden stetig optimiert

Ausserdem werden die gefährdeten Organe der behandelten Kinder regelmässig überwacht, um Nebenwirkungen früh zu erkennen und zur Vermeidung von Schäden einen Plan B oder C im Protokoll einzuschlagen. Schliesslich werden die Ergebnisse und Entscheidungen der Krebsärzte für ihre Schützlinge in sogenannten Registern gesammelt. So können all diese Daten dazu beitragen, dass die “Anleitungen” zur Behandlung von Lymphknotenkrebs  bei Kindern stets auf dem neuesten Erfahrungsstand aller Kinderkrebs-Mediziner sind.

Dass ein aktueller Kenntnisstand wie “die optimale Behandlung von Lymphknotenkrebs bei Kindern” sich ständig verändert, erweitert und verfeinert, ist in der Forschung ein ganz normaler Vorgang, der “gute Wissenschaft” ausmacht. Eine allgemeingültige und unveränderliche Wahrheit gibt es nämlich nicht, wenn man wissenschaftlich arbeiten möchte. Das gilt auch für die bestmögliche Behandlung von Kinderkrebs.

Gute Wissenschaft ist teuer

Obwohl die Lymhome die drittgrösste Gruppe von Krebsarten bei Kindern sind, sind sie letztlich doch sehr selten. In Deutschland erkranken in einem Jahr rund 190 Kinder unter 15 Jahren neu an Lymphknotenkrebs – 80 an einem Hodgkin-Lymphom (davon gibt es wiederum 5 Arten in 2 Gruppen) und 110 an Non-Hodgkin-Lymphomen (die sich wiederum vielfach unterteilen lassen). Plump auf die Bevölkerungszahl der Schweiz heruntergebrochen entspricht das rund 19 Kindern hierzulande, davon 8 mit Morbus Hodgkin und 11 mit den anderen Lymphomen.

Am Rande: Bei etwa 1,3 Millionen Kindern (bis 15 Jahre) in der Schweiz ist es schon ziemlich unwahrscheinlich, dass eines, das an Lymphknotenkrebs erkrankt, ausgerechnet bei mir Nachhilfe nimmt. Aber eben: Unwahrscheinlich ist alles andere als unmöglich, und die Ursache für die allermeisten Krebserkrankungen ist schieres Pech – das letztlich jeden treffen kann.

Rein statistisch kommt damit jede Variante von Morbus Hodgkin in der Schweiz pro Jahr nur ein- bis zweimal vor (davon ausgehend, dass alle gleich häufig wären – was natürlich nicht ganz korrekt ist), die verschiedenen Non-Hodgkin-Lymphome jeweils noch seltener.

Kinderkrebs-Forschung wird von Non-Profit-Organisationen finanziert

Die vielen zur fortlaufenden Verbesserung einer Krebsbehandlung notwendigen Studien kosten eine Menge Geld – aber an so wenigen Patienten lässt sich kaum etwas verdienen. Trotzdem wünscht sich jede Familie mit einem kranken Kind, dass es möglichst schnell gesund werde und seine Krankheit zudem mit möglichst wenigen Langzeitfolgen überstehe.

Um das zu ermöglichen, wird die Forschung an Lymphknoten- und anderen Kinderkrebs-Arten teils vom Staat, teils durch Stiftungen und Spenden finanziert. Und solche Stiftungen und Spenden werden in Zukunft mehr denn je benötigt. Schliesslich sollen Kinder wie mein Nachhilfeschüler nicht nur geheilt werden, sondern auch ein möglichst gesundes Leben führen können. Dafür setzt sich der Verein Kinderkrebs Schweiz mit seiner Kampagne ein.

Eine Geschichte über das Leben

Die erschütternde Nachricht über meinen Nachhilfeschüler hat in mir eine Erinnerung an eine Geschichte geweckt, die ich als sehr ermutigend empfunden habe, als ich sie vor wenigen Jahren zufällig mithörte:

Ein alter Arzt erzählte von einem Freund – er hatte gemeinsam mit ihm studiert und beide Freunde waren Ärzte geworden. Im Laufe seines Lebens, also vor vielen Jahren, erkrankte der Freund an Krebs. Ich erinnere micht nicht, an welchem, aber es ging um eine der Krebsarten ohne festen Tumor, vielleicht sogar um ein Lymphom?

Die Krankheit nahm jedenfalls einen recht aggressiven Verlauf und gelangte schnell an einen Punkt, an welchem die behandelnden Ärzte des Freundes sagten: “Was wir jetzt noch tun können, ist eine aggressive Chemotherapie. Mit Nebenwirkungen und allem was dazugehört. Und wir können nicht garantieren, dass die Therapie etwas nützt.”

So kam der erkrankte Arzt zu seinem Freund (jenem alten Arzt, der die Geschichte erzählte) und fragte ihn um Rat. Was solle er tun? Mache die Plackerei mit der heftigen Chemotherapie bei solchen Aussichten überhaupt Sinn?

Statt einem Rat: Eine klare Darstellung der Lage

Der alte Arzt habe, so sagte er, geantwortet: “Pass auf, es gibt drei Möglichkeiten: Entweder du machst nichts und bist in einem halben Jahr tot. Oder du machst die Therapie, sie nützt nichts und du bist auch in einem halben Jahr tot. Oder du machst die Therapie, sie nützt etwas und du kannst weiterleben.”

Der Freund entschied sich für die Chance auf Leben und hat die Chemotherapie gemacht. Mit allem, was dazu gehört. Die Therapie hat funktioniert und er konnte etliche Jahre weiter leben – Jahre, in denen grosse Fortschritte in der Forschung gemacht wurden und neue Medikamente auf den Markt kamen. Und damit, so der alte Arzt, sei die betreffende Krebsart nun eine völlig andere Krankheit [als früher, zu Beginn der Geschichte]. Nämlich eine, mit der man vergleichsweise gut leben könne. Der Freund lebte zu dem Zeitpunkt, als ich die Geschichte hörte, immer noch – und das mit einer Lebensqualität, die das Leben lohnte.

So könnte der Slogan von Kinderkrebs Schweiz – “Ohne Forschung keine Heilung” – ebenso gut lauten: “Ohne Forschung kein Leben” . Heilung (im Sinne von Überleben) ist schliesslich nicht das Endziel – sondern ein Schritt zu einem möglichst gesunden und erfüllten Leben “danach”. Ein Schritt zum Erwachsenwerden, dem Ergreifen eines (Traum-)Berufs, vielleicht zur Gründung einer eigenen Familie.

Und ich wünsche meinem Schüler und allen anderen Kindern mit Krebs von ganzem Herzen, dass sie die Chance auf ein solches Leben erhalten. Mit Hilfe der fleissigen Ärzte und Forscher – und dem Geld von vielen Unterstützern, die den gleichen Wunsch hegen!

Grosse Sommer - Blogparade : Mein Lieblingsexperiment

Ganze vier Jahre ist es nun her, seit Keinsteins Kiste das Licht der Welt erblickt hat! Und diesen Bloggeburtstag möchte ich mit euch allen feiern – mit der grossen Sommer-Blogparade!

Vier Jahre Keinsteins Kiste

Bis in die erste Hälfte 2015 waren “Blogger” in meinen Augen Werbegesichter für Mode, Kosmetik und allerlei Lifestyle-Produkte – kurzum das, was man heute vielleicht eher mit dem Begriff “Influencer” in Verbindung bringt. Und damit so ganz und gar nicht meine Welt.

Erst als ein Neuzugang in einer völlig themenfremden Facebook-Gruppe am Rande ihren Mama-Blog erwähnte, öffnete sich mir die Tür zur ganzen Welt der Blogger – und mir war sofort klar: Davon möchte ich auch ein Teil sein! So habe ich binnen weniger Wochen diesen Blog ins Leben gerufen.

Seitdem hat sich so vieles getan und verändert. Von Anfang an war Keinsteins Kiste als Sammlung naturwissenschaftlicher Inhalte gedacht – zunächst reichlich unspezifisch in Form von “Geschichten aus Natur und Alltag”. Naturwissenschaft besteht nun in grossen Teilen aus Beobachtung…und dazu sind aufmerksame Sinne unabdingbar. So kam ich zu der Umwidmung des Blogs zu “Natur und Wissenschaft für alle Sinne”.

Doch auf Dauer erschien mir auch dies zu ungenau. Zumal ich mit meinem in der deutschsprachigen Blogsphäre nach wie vor exotischen Genre lange nach meinem Platz in deren unendlichen Weiten gesucht habe. Schlussendlich führte diese Suche an den Anfang des Blogs zurück. Mit einem Mama-Blog fing die Geschichte der Kiste an, und mit Familienblogs und ihren Autoren kann ich mich nun wahrhaftig identifizieren. Und das, obwohl ich selbst gar keine Kinder habe.

Wozu Keinsteins Kiste? Um Chemie und anderen Naturwissenschaften ein positives Gesicht zu geben!

Nichts desto trotz arbeite ich mit Kindern, und habe dabei schnell festgestellt, dass es nichts wunderbareres gibt als die kindliche Neugier. Physik (und Chemie und…) ist schliesslich, wo man spielt.

Und diese Neugier ist ein grossartiger Ansatzpunkt, um mein grosses Ziel zu verfolgen: Der Naturwissenschaft im Allgemeinen und der Chemie in Besonderen in euren Köpfen ein besseres Ansehen zu verschaffen!

Die Welt ist nämlich voll von “Fake-News”, Fehlinformationen und teils gefährlichen Irrlehren, die viel zu oft auf fruchtbaren Boden stossen. Und solch “fruchtbarer Boden” entsteht, wenn junge Menschen die Fächer, in welchen sie lernen könne, wie die Welt funktioniert und wie sie selbst diese Funktionsweisen ergründen können, als “zu schwierig”, “abstrakt”, “realitätsfern” oder gar “unwichtig” erleben. Dann nämlich verlassen sie ihre Schulen oft ohne ein grundlegendes Verständnis für die Natur der Dinge – und entsprechend anfällig für jeglichen Unsinn, der darüber verbreitet wird.

Je früher jedoch Neugier und Freude an der Erforschung der Welt geweckt werden, desto grösser sehe ich auch die Chance, dass die Aufmerksamkeit für und die Freude an naturwissenschaftlichen Zusammenhängen erhalten bleibt und Chemie und Co in den Augen einstmaliger Jungforscher ihr gutartiges Gesicht behalten.

Chemie ist nämlich überall und alles ist Chemie. So tut ihr gut daran im Gedächtnis zu behalten, dass sie eben nur manchmal gefährlich, aber immer spannend ist!

Experimente wecken Spass und Neugier – nicht nur bei kleinen Forschern

Die eindrücklichste und zugleich spassigste Art und Weise, Naturwissenschaften zu lernen, ist, selbst zu experimentieren und zu forschen. So habe ich – besonders in den letzten beiden Jahren – mehr und mehr Experimente in Keinsteins Kiste einfliessen lassen, die ihr zu Hause oder in jedem beliebigen Klassenzimmer selbst machen könnt.

Und damit auch naturwissenschaftliche nicht “vorbelastete” Eltern und Lehrer ihren Kindern die unvermeidlichen Fragen junger Forscher beantworten können (allen voran “Wie funktioniert das bloss?”), liefere ich zu jeder Anleitung auch eine ausführliche Erklärung dessen, was hinter den spannenden Beobachtungen steckt.

So können Klein und Gross beim Experimentieren etwas lernen. Aber damit nicht genug: Ihr Grossen könnt euer naturwissenschaftliches Wissen auch direkt in eurem Alltag gebrauchen! Wie? Das könnt ihr in den gesammelten Haushalts- und Alltagstipps in der Alltagskiste lernen.

So ist Keinsteins Kiste nun schon seit einem Jahr offiziell gefüllt mit “Natur und Wissenschaft für die ganze Familie”.

Grosse Sommer-Blogparade zum Geburtstag

Doch nun könnt ihr in der Blogparade selbst mitfeiern und -forschen!

Thema der Blogparade: Mein Lieblings-Experiment!

Experimente mit Aha-Effekt

Denn die Freude an Naturwissenschaft beginnt oft mit einem besonders eindrücklichen Experiment, das einen regelrechten Aha-Effekt auslöst.

So war es zumindest bei mir: In der siebten Klasse bin ich erstmals der Schmelzwärme begegnet – einem Konzept, das mir bis dahin völlig unbekannt war. Und mit dieser einschneidenden Veränderung meines Weltbildes hatte ich mein Herz unrettbar an die Chemie verloren (und das, obwohl sich die Physiker mit den Chemikern um die Einordnung dieses Konzeptes streiten könnten!).

Die ganze Geschichte von diesem Aha-Erlebnis erfahrt ihr hier, und natürlich gibt es auch eine Anleitung für das Experiment zum Nachmachen!

Oder vielleicht kehrt eure Leidenschaft auch immer wieder zu dem einen Experiment zurück?

Experimente, die euch nicht loslassen

Ich habe zum Beispiel bei jeder sich bietenden Gelegenheit Eisensulfid aus den Elementen Eisen und Schwefel hergestellt (das Teufelchen in mir spielt immer wieder gern mit Schwefel herum…). Da das eine ziemlich stinkige Angelegenheit ist, müssen dafür besondere Anforderungen an die Umgebung erfüllt sein, weshalb es das Experiment (noch) nicht in Keinsteins Kiste gibt.

Experimente, bei welchen ihr (bislang?) nur zugeschaut habt

Oder habt ihr euch bislang noch nicht selbst getraut, zu experimentieren, aber andere dabei beobachtet? Sei es der Lehrer in der Schule, der Dozent in der Uni, oder ein Show-Experimentator auf der Bühne? Welches Schau-Experiment hat euch besonders beeindruckt – vielleicht gar so sehr, dass ihr es gerne einmal selbst versuchen würdet – oder eben gerade nicht?

Im Rahmen der Lehrerausbildung hat uns unser Dozent ein wahrhaft beeindruckendes Demonstrations-Experiment gezeigt: Die Thermit-Reaktion!

Thermit-Versuch für die Schule: Die Reaktion findet im Blumentopf statt, glühendes flüssiges Eisen tropft unten heraus!

Hier bei wird Eisen(III)oxid mit Aluminium-Pulver zur Reaktion gebracht, wobei Temperaturen bis gut 2000°C entstehen! Mit grossem Getöse und Leuchtspektakel entsteht dabei flüssiges(!) metallisches Eisen. Folglich nutzen Eisenbahner diese Reaktion, um frisch verlegte Schienen zusammen zu “schweissen”. Der sehr grossen Brandgefahr wegen sollte ein solches Experiment immer ausserhalb des Schulhauses (z.B. auf dem asphaltierten Schulhof) gemacht werden.

Später habe ich dann für einige Zeit an der Berufsschule in Arth-Goldau unterrichtet und dort in der Chemikaliensammlung eine fertige Thermit-Mischung gefunden. Natürlich habe ich die ausprobieren müssen – aber leider habe ich es nicht fertig gebracht, das Ganze zu zünden (das ist nämlich – zum Glück – ohne einen speziellen Thermit-Zünder kaum zu bewerkstelligen). Die Enttäuschung bei mir und den extra auf den Hof geführten Schülern war entsprechend gross.

Aber wenn ich noch einmal die Gelegenheit bekäme, Thermit zu zünden, wäre ich sofort dabei.

Experimente in der Forschung

Oder seid ihr sogar selber Forscher (gewesen)?

In der Forschung müssen Wissenschaftler ihre Experimente immer wieder und wieder durchführen und immer das Gleiche beobachten, bevor sie ein belastbares (weil wiederholt beobachtbares) Ergebnis veröffentlichen können. Auch ich kann ein Lied davon singen.

Besonders aufregend wird das Ganze dann, wenn ein Experiment tatsächlich immer das gleiche Ergebnis liefert – und wenn andere Forscher, die den Versuch nachmachen, dieses Ergebnis ebenfalls beobachten. Dann hat man nämlich etwas gefunden, was den allgemeinen Wissenstand wirklich erweitern könnte!

Habt ihr als Forscher selbst einmal so ein eindrückliches Experiment gemacht?

Was ihr zur Blogparade wissen müsst:

Experimentiert ihr gerne – zu Hause, in der Schule oder sogar an eurem eigenen Forscher-Arbeitsplatz? Schaut ihr euch spannende Experimente lieber an? Oder würdet ihr gerne auch selbst experimentieren?

Mit dieser Blogparade möchte ich euch alle – ganz gleich welchen Bezug ihr zum Experimentieren habt – zum Mitmachen einladen:

Beschreibt in einem Blogartikel euer Lieblings-Experiment!

Erzählt, schreibt, fotografiert, filmt oder wie auch immer ihr euch ausdrückt von eurem Erlebnis beim Experimentieren oder Zusehen: Was beeindruckt euch besonders, und warum ist dies euer Lieblings-Experiment?

Und wenn ihr selbst experimentiert, habt ihr vielleicht auch eine Anleitung dazu? Und wenn ihr ganz versiert seid und die Beobachtung sogar erklären könnt, wäre das natürlich Spitzenklasse – aber nicht notwendig.

Bei Bedarf helfe ich beim Erklären auch gerne aus.

Veröffentlicht den Artikel bis zum 11. September 2019 auf eurem Blog bzw. Kanal, verlinkt darin auf diesen Artikel und postet den Link dazu hier in die Kommentare. So kann ich sie über meine Kanäle teilen und zum Abschluss in einer Zusammenfassung würdigen.

Ihr möchtet gerne ein Experiment vorstellen und habt keinen eigenen Blog? Dann könnt ihr euren Beitrag gerne als Gastbeitrag in Keinsteins Kiste einreichen! Insbesondere zwischen dem 13. Juli und 1. August habe ich drei Plätze, die sich damit wunderbar füllen liessen.

Ganz besonders würde ich mich freuen, wenn ihr anderen von dieser Blogparade “erzählt”, sodass möglichst viele die Chance haben, mit zu forschen!

Nun wünsche ich euch viel Spass beim Forschen, Experimentieren und Verbloggen,

Eure Kathi Keinstein

Ein Blogger kommt selten allein - auch für die Leser?

Liebe Leser, Liebe Blogger-Kollegen,

Heute geht es hier für einmal nicht direkt um Naturwissenschaftliches, sondern um die Welt der Blogs und Blogger. Die spielt sich nämlich in Facebook-Gruppen, Foren, Whatsapp-Channels und vielen anderen Kanälen ab, in welchen wir unabhängigen Internet-Autoren unabhängig von unseren Themen zusammenfinden und uns austauschen.

Dabei ist unter Schweizer Bloggern auch die Idee zu einer Blogparade “Ein Blogger kommt selten allein” entstanden, welche sich mit der Zusammenarbeit von Bloggern und gemeinschaftlichen Projekten beschäftigen soll.

Vernetzung von Bloggern: Wo bleiben die Leser?

In der Bloggerwelt wird immer wieder der Wunsch laut, das Blogger sich mit Bloggern vernetzen und einander unterstützen. Und ebenso regelmässig kommt die Diskussion darum auf, dass wir Blogger im D-A-CH-Raum uns damit besonders schwer täten, dass wir – womöglich kulturell bedingt – gehemmt seien, wenn es um gegenseitige Unterstützung geht. Die Frage, die sich dann stellt, lautet in der Regel: Wie können wir das besser machen? Wie können wir einander unterstützen?

Dabei geht in meinen Augen jedoch oft das Wesentliche vergessen: Wir schreiben für euch, unsere Leser, unsere Zielgruppe.

Die Frage sollte also lauten: Wie können wir uns gegenseitig dabei unterstützen, euch – unserer jeweiligen Zielgruppe – interessante, lesenswerte, nützliche und bewegende Inhalte zu liefern?

In den vergangenen Jahren habe ich viel über diese Frage und mögliche Antworten nachgedacht. Einige, die ich bereits verfolge oder künftig verstärkt verfolgen möchte, möchte ich euch heute vorstellen – und euch schliesslich die Frage aller Fragen stellen: Was interessiert euch tatsächlich?

Zusammenarbeit unter Bloggern für die Leser? Drei meiner Ansätze


1. Mit Gleichgesinnten Interessengemeinschaften bilden

“Gleichgesinnt” heisst hier in meinen Augen “der gleichen Zielgruppe verhaftet”. Was nützt es, wenn zwei Blogger im gleichen Genre schreiben – als Beispiel einen Foodblog mit Kochrezepten – aber völlig unterschiedliche Leser bedienen? Zum genannten Beispiel: Ein Foodblog mit Rezepten für Vegetarier, der andere mit Rezepten für Grillfleisch. So lange hier nicht einer der Beteiligten über seinen Schatten springt (und sich zum Beispiel an gegrilltem Gemüse probiert), überschneiden sich die Zielgruppen nicht!

Als meine Zielgruppe sehe ich Menschen an, die einen “normalen” (Familien-)Alltag zu bewältigen haben und/oder mit der Bildung neugieriger Nachwuchs-Forscher zu tun haben. Für eben diese Menschen schreiben auch all die Mama-, Papa- und Familienblogger – mit dem einen Unterschied, dass diese in der Regel selber Kinder haben. Ich nicht. Ich bin somit keine Mama-Bloggerin. Und dennoch schreibe ich für die gleiche Leserschaft.

Das Netzwerk Schweizer Familienblogs

Nachdem mir das erst einmal klar geworden war, habe ich im vergangenen Jahr das Netzwerk Schweizer Familienblogs mitbegründet. Beim Austausch unter Familienbloggern wurde rasch klar, dass viele von uns die gleichen Interessen haben: Die flächendeckende Einhaltung von Qualitätsstandards, die Möglichkeit, potentiellen Kooperationspartnern selbige gesammelt anzubieten, sich in einem “geschützten” Raum auszutauschen und manches mehr.

So sind einige von uns dem Ruf von Rita von den Angelones und Jerome von […] gefolgt, haben überlegt, wie diese gewünschten Qualitätsstandards aussehen sollen und sie auf der eigenen Website des Netzwerks in Schriftform gebracht.

Kurz gesagt beinhalten diese Standards neben Inhalten für Familien(-menschen) – das sollte ja selbstverständlich sein – eine grundlegene Orientierung am Schweizerischen Internetrecht (Stichwort: Impressum!) und Transparenz beim Umgang mit werblichen Inhalten und Kooperationen. Auf der Website des Netzwerk finden interessierte Leser und Kooperationspartner eine Liste der Schweizer Familienblogs, die sich zur Einhaltung dieser Standards verpflichtet haben und dies mit dem Siegel des Netzwerks Schweizer Familienblogs kundtun dürfen.

Gemeinsam für die Leser: Netzwerk Schweizer Familienblogs

Auf diesen Blogs findet ihr, lebe Leser, familientaugliche Inhalte ohne Schleichwerbung von Autoren, die zu ihren Inhalten stehen und offen für seriöse Kontakte und Geschäfte sind.

Und wenn ihr, liebe Mit-Familienblogger, dabei sein möchtet, könnt ihr euch jederzeit hier um Aufnahme bewerben. Solltet ihr die gewünschten Standards noch nicht erfüllen, helfen wir euch gerne dabei, die nötigen Veränderungen umzusetzen.

2. Ein Verzeichnis zusätzlicher, für die Zielgruppe spannender Inhalte bereitstellen

Hierzu gehört sicherlich die klassische Blogroll – eine Liste meist themen- bzw. zielgruppenverwandter Blogs, die der Blogger eures Vertrauens euch empfehlen kann. Und seinen bloggenden Kollegen damit einen Backlink und im besten Fall sogar Zugriffe spendiert.

Ich gehe da sogar noch einen Schritt weiter. Warum nicht auch einzelne spannende Artikel dauerhaft zugänglich machen, die sonst irgendwo in den Blog-Archiven verborgen liegen?

Das Periodensystem gebloggt

Für meine an Chemie&Co interessierte Zielgruppe habe ich das “Periodensystem gebloggt” ersonnen. Denn alles ist Chemie – alle Dinge bestehen aus (aktuell bekannten) 118 chemischen Elementen, zu welchen es viele spannende Geschichten gibt. Und die alle selbst zu schreiben würde mich auf Dauer doch ein wenig an meinem eigenen Blogthema – der Chemie des (Familien-)Alltags – vorbei führen.

Aber dafür gibt es ja viele fleissige wie versierte Kollegen, welche über die Elemente gebloggt haben oder bloggen. Und deren Artikel finden Platz in meinem gebloggten Periodensystem der Elemente. Okay, der ein oder andere von mir ist auch darunter. Aber vor allem warten noch viele Elemente darauf, verbloggt zu werden.

Und damit lade ich nun euch ein, liebe Mitblogger, euch mit eurem eigenen Beitrag zu einem der Elemente – vielleicht eurem Lieblingselement? – im Periodensystem zu verewigen! Wenn ihr bereits einen passenden Artikel habt, kommentiert oder schickt mir doch einfach euren Link dazu. Und wenn ihr erst einen schreiben möchtet, lasst es mich allenfalls wissen, damit ich euch das entsprechende Element frei halten kann.

Das Thema passt jetzt gar nicht auf euren Blog? Oder ihr habt gar keinen und möchtet trotzdem gerne schreiben? Gerne veröffentliche ich euren Gastbeitrag zum Element auf Keinsteins Kiste und verlinke ihn ins Periodensystem!

3. Uns gegenseitig unsere Expertise zur Verfügung stellen

Wir alle haben unser Steckenpferd, unser Blogthema, von dem wir eine Menge wissen und verstehen. Und manche von uns haben sogar zwei oder mehrere. Dabei überschneiden sich diese Themen mitunter – häufig in Bereichen, die uns womöglich nicht gleich ins Auge fallen. Dabei können Gastblogger den Lesern im Bereich genau dieser Überschneidungen vieles bieten.

Aus diesem Grund biete ich euch, liebe Mitblogger, hiermit meine Expertise an: Ich habe Chemie studiert und Didaktik gelernt. Dieses Wissen gebe ich gerne weiter – sei es in Form von spannenden Experimenten, Erklärungen, Sicherheits- oder Anwendungstipps zu Phänomenen in eurem Alltag.

Und euer Alltag – dazu gehört schliesslich euer Blogthema, zu dem ihr schreibt oder lest – überschneidet sich automatisch mit meinem Thema: Chemie ist überall – alles ist Chemie!

Meine Expertise in Gastbeiträgen bei euch

Gerne verfasse ich einen Gastbeitrag, in welchem ich “mein” Fach in den Dienst eures Themas stelle. Das könnten zum Beispiel sein: Lebensmittel- bzw. Küchenchemie auf dem Kochblog, Materialien für Textilfasern auf dem Modeblog, die spannendsten Naturwunder an Ziel X erklärt auf dem Reiseblog, Inhaltstoffkunde auf dem Beautyblog, kindgerechte Experimente auf dem Familienblog und vieles andere mehr. Im Gegenzug freue ich mich über eine Verlinkung von Keinsteins Kiste im Artikel.

Und umgekehrt: Habt ihr beruflich oder anderweitig mit naturwissenschaftlichen Themen im Alltag zu tun? Dann freue ich mich ebenso über einen Gastbeitrag von euch!

Bei aller Unterstützung: Ohne euch Leser läuft nichts!

Diejenigen, die uns Blogger am wirksamsten und mit dem wenigsten Aufwand unterstützen könnt, seid schlussendlich ihr – die Leser! Unsere Inhalte werden nämlich erst dann so richtig sichtbar, wenn ihr sie in euren Netzwerken teilt und somit möglichst vielen Interessierten zugänglich macht.

Die sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und Co sind darauf ausgelegt, bevorzugt das auszuspielen, was ihre Nutzer interessiert. Und das Interesse messen sie an den Interaktionen, die auf einen Beitrag folgen: Teilen, Kommentieren, Liken!

Zeigt also eurem Umfeld, was von Interesse ist, indem ihr teilt, was euch gefällt und scheut euch nicht, euren Senf dazu zu geben. Und wenn es unter einem Beitrag mal richtig kontrovers zur Sache geht, ist das für uns Blogger ein Grund zur Freude: Ein Haufen Kommentare macht den Beitrag erst so richtig gut sichtbar (weil er entsprechend bevorzugt in den Feeds der Netzwerke aller Beiteiligten ausgespielt wird).

Frage an die Leser: Was interesssiert euch wirklich?

Nun gebe ich jedoch die entscheidende Frage vom Anfang an euch Leser weiter:

Welche unserer Vernetzungsaktionen bieten euch tatsächlich Mehrwert?

Interessieren euch Blogparaden? Bevorzugt ihr solche mit breiter Streuung eines allgemeinen Themas durch alle Genres oder eher solche, die auf “eure” Nische beschränkt bleiben? Oder sind Blogparaden für euch völlig uninteressant?

Nutzt ihr Blogrolls? Linkups? Permanent verfügbare Inhalts-Sammlungen wie das PSE gebloggt? Interessiert euch, was wir auf Bloggertreffen, in Bloggergruppen oder im Zuge anderer gemeinsamer Projekte so treiben?

Oder sind wir mit all dem völlig auf dem Holzweg: Was würde euch interessieren, auf das wir Blogger vielleicht noch nicht gekommen sind?

Kommentiert uns doch eure Antworten unter diesem Beitrag – damit wir Blogger künftig noch mehr für euch Leser zusammen arbeiten können!
 

Blogparade “Ein Blogger kommt selten allein”

Uns? Richtig: Wir – das sind nebst mir nämlich die weiteren Teilnehmer an der Blogparade:

  • Svea von Dreimal Frei: Der Schweizer Blog zu den Themen Familie, freie Schule und Freilernen über ihre Vernetzung mit dem Blog “Schools of Trust” Auch Svea ist übrigens Mitglied im Netzwerk Schweizer Familienblogs!
  • Natascha und Fabienne vom Schweizer Fashion- und Lifestyleblog Ich, DU & Wir mit ihren Outfits gemäss Follower-Abstimmung
  • Tamara vom Schweizer Food, Family und Lifestyle Blog Cakes, Cookies and more mit ihrem Quinoa-Salat, der im Rahmen der Food-Challenge der “Foodblogs Schweiz” (einer ähnlichen Interessengemeinschaft wie das Netzwerk Schweizer Familienblogs, in welchem Tamara ebenfalls Mitglied ist!)
Schweiz: Auswandern im Winter
Für euch gewähre ich einmal einen ganz persönlichen Einblick in die Vorgeschichte von Keinsteins Kiste: Vor nun fast 8 Jahren bin ich von Deutschland in die Schweiz ausgewandert – an einem sibirisch kalten Wintertag!
Rund 500 Kilometer liegen zwischen meiner alten und der neuen Heimat, die wir damals im Dezember 2009, kurz vor Weihnachten, in einem viel zu grossen Kleintransporter zu bewältigen hatten. Dabei gab es ausserdem einiges zu beachten, um meinen Hausrat problemlos über die Grenze zu bringen.
Wie mein Vater und ich im Umzugswagen mit Hilfe der Physik Frost und Eis, die sich scheinbar gegen uns verschworen hatten, getrotzt haben, erfahrt ihr in meiner Geschichte vom Abenteuer Auswandern bei der Lifestyle Luxury Brigade!
 
Macht es euch also gemütlich, holt euch eine Tasse Tee und eine warme Decke und geniesst eine wahre Geschichte.
Zusammenfassung Blogparade "Die Natur und meine Sinne "

Schon wieder neigt sich ein Sommer dem Ende, in welchem ganz viele tolle Beiträge zur Blogparade rund um die Natur und eure Sinne zusammengekommen sind! Dieses Jahr sind es sieben Texte, die wahrhaft vielfältige Sicht- oder besser Wahrnehmungsweisen zeigen, mit welchen wir der Natur begegnen können.

Die Natur erforschen ist weder kompliziert noch trockene Arbeit, sondern eine aufregende, inspirierende, lehrreiche oder auch entspannende Gelegenheit für jede/n – gleich welchen Alters oder Hintergrundes – seine/ihre Welt in intensiver Weise wahrzunehmen und ihre Geheimnisse zu ergründen.
Während ich euch in den meisten Beiträgen in Keinsteins Kiste zeige, wie ihr diese Gelegenheit wahrnehmen könnt, seid in diesem Sommer ihr zu Wort gekommen.

Eure Beiträge

Den Anfang macht Monika Richrath von EFT für hochsensible Menschen, eine wahre Expertin für besonders feine Sinneswahrnehmungen. Sie erklärt uns, warum die allermeisten Menschen sich im Wald – der heutzutage weithin als ein Sinnbild “der Natur” gilt – besonders wohl fühlen. Unsere Verbundenheit zum Wald war und ist nämlich Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und in spannenden Studien, in die Monika uns Einblick gewährt, untersucht worden.

Jo von mydambiro beschäftigt sich gewöhnlich mit Beautyprodukten – Körperpflegemitteln, Kosmetik und Duftstoffen. So nimmt sie uns in ihrem Beitrag mit auf einen Spaziergang in die Welt der Blütenpflanzen, in welcher viele unserer Lieblingsdüfte ihren Ursprung haben. So wird deutlich, dass die Natur und die Geheimnisse ihrer Funktionsweise nicht nur Sache entrückt-kluger Wissenschaftler sind, sondern an unser aller Alltag teilhaben und darauf warten, erkundet zu werden.

So erklärt uns Anne Nühm von breakpoint, für die Mathematik und Informatik zum Alltag zählen, (nicht nur) für alle Liebhaber von Heissgetränken verständlich, warum unsere Tee- und Kaffeetassen ordentlich auf dem Tisch stehen, anstatt der Schwerkraft folgend einfach hindurch zu fallen. Ein Blick in den Femtokosmos (die Welt der ganz, ganz, ganz kleinen Dinge) offenbart nämlich ein atemberaubendes Zusammenspiel zwischen den Bausteinen unserer Alltagsgegenstände, welches ihnen ihre undurchdringliche Erscheinung gibt.

Anstelle von langen Erklärungen braucht Peter von 100woerter.de nur die namengebenden 100 Worte, um die Nähe von Natur und Wissenschaft zu unserem Alltag zu beschreiben und überdies zu zeigen, wie Naturphänomene uns (fast ganz ohne unser Zutun) glücklich machen.

Ein Weg, Eindrücke aus der Natur intensiv und detailreich wahrzunehmen, besteht darin, seine Sinne durch den Einsatz von Wirkstoffen wie LSD zu “erweitern”, also bestimmte Hirnfunktionen zu verändern und dadurch eine vom Normalzustand abweichende Wahrnehmung zu erreichen. Da so etwas nicht ohne Nebenwirkungen vonstatten geht und mit Sicherheit nicht gesund ist, erzählt Sebastian vom Reiki-Institut Hamburg, wie wir durch Meditation das Potential unserer eigenen, unverfälschten Sinne (weiter) ausschöpfen können.

Von Sinneswahrnehmungen zu “Übersinnlichem” geht es bei Priska Hitz von Crea-Motion. Ihre zauberhafte Kindheitserinnerung kann auch jenen, die sich mit dem Glauben an Geistern und medialen Fähigkeiten schwer tun, zeigen, wie viel umfassender und zuweilen fantastisch anmutend die Wahrnehmung eines Kindes im Vergleich zu jener von uns Erwachsenen doch ist. Wenn ich für Keinsteins Kiste beobachte, experimentiere und schreibe, versuche ich regelmässig, mich an meine Kindersinne zu erinnern.

Ganz wunderbar beherrscht das meine Wissenschaftler-Kollegin Andrea von Forschen für Kinder, die im eigenen Nachwuchs und vielen weiteren begeisterten jungen Naturforschern die besten Lehrmeister hat. So haben Andrea und ihre Kinder den Sommer genutzt, um Gewitter zu studieren und ein spannendes, aber simples Experiment zur Wetter-Entstehung zu machen.

Fazit

Jeder von uns nimmt seine Umgebung und die Natur darin mit seinen ganz eigenen Sinne auf seine ganz eigene Weise wahr. In meinen Augen macht gerade diese Vielfalt das gemeinsame Forschen und Erkunden unglaublich spannend. So danke ich euch von Herzen für eure bunten Inspirationen!

Auf noch viele weitere Jahre voller Natur und Wissenschaft für alle Sinne und noch mehr gemeinsames Beobachten und Experimentieren (Während ich diese Zusammenfassung geschrieben habe, ist da in meinem Hinterkopf eine Idee gekeimt…lasst euch überraschen!),

Eure Kathi Keinstein

 

Liebe Leser!

Anstelle einer neuen naturwissenschaftlichen Geschichte gibt es heute einen Blick hinter die Kulissen: Als bloggende Chemikerin freue ich mich sehr, meinen Weg zu einem etwas ungewöhnlichen “Chemie-Beruf” auf Chemie-Azubi.de vorstellen zu dürfen!

Aber was daran ist eigentlich “ungewöhnlich”? Dass ich mich nach langer Ausbildung an der Hochschule darauf verlege, für die Allgemeinheit im Internet zu schreiben? Oder vielmehr, dass ich tue, was mir liegt – meine Stärken und damit meine Leidenschaft lebe? Ich möchte euch erzählen, wie ich auf den Chemie-Blog gekommen bin – auf die Tätigkeit, die mich langfristig begeistert und erfüllt. Und ich möchte euch zeigen, wie auch ihr eure ganz eigene solche Tätigkeit finden könnt. Denn so einzigartig jeder Mensch ist, desto einzigartig ist auch die Tätigkeit – ob Ausbildung, Arbeitsstelle oder Selbstständigkeit, die zu ihm passt.

Lest die ganze Geschichte nach auf http://www.chemie-azubi.de/detailansicht/news/keinsteins-kiste-auf-dem-chemie-azubi-blog/

Dieser Artikel ist gleichermassen ein Beitrag zur Blogparade “Liebe zur Natur” von Frank Ohlsen auf “Finde dich selbst” und zur Blogparade “Souvenirs, Souvenirs – was sammelst du?” von Renate auf “Raus ins Leben”. In meinem Leben sind diese beiden Themen nämlich unweigerlich miteinander verbunden. Schliesslich bestimmt meine Liebe zur Natur unweigerlich meine Reiseziele mit.

Eigentlich hat die Liebe zur Natur schon immer einen zentralen Platz in meinem Leben. Schon als Kinder haben meine Schwestern und ich in den Ferien an naturbelassenen Nord- und Ostseestränden gespielt, in den Mittelgebirgen auf dem Bauernhof gespielt und Pilze gesammelt und die unfassbar weitläufigen Wälder Südschwedens kennengelernt. Und was wir nicht bereisten, habe ich mir kiloweise aus der Sachbuchabteilung der Stadtbibliothek mit nach Hause geschleppt.

Auf der Umwelt-Aktivismus-Welle der 1990er haben wir mit Freunden unser eigenes “Greenteam” gegründet und den gar zu vermüllten Stadtwald aufgeräumt (in Deutschland war und ist das Littering-Problem um vieles grösser als ich es in der Schweiz jemals beobachtet habe). Denselben Stadtwald, in welchem ich “vor der Haustüre” den exotisch anmutenden Gefleckten Aronstab finden oder (mehrfach!) einen Eisvogel beobachten konnte.

Und je älter ich wurde, desto mehr packte mich der Sog, das Verlangen zu verstehen, wie diese Wunder funktionieren, was im ganz Kleinen in all diesen Dingen – Pflanzen, Tieren, dem Menschen, aber auch im Planeten Erde und im Kosmos – vor sich geht. So hat die Liebe zur Natur schliesslich auch meine Berufswahl beeinflusst: Ich habe Chemie studiert und bin den ganz kleinen Dingen und Vorgängen wirklich tief auf den Grund gegangen.

Das Staunen und Geniessen habe ich dabei jedoch nie verlernt. So spiegelt sich meine Liebe zur Natur in einem weiteren Bereich meines Lebens: Dem Reisen. Wo auch immer mein Weg mich hinführt stehen die verschiedensten Naturwunder auf dem Programm, ob auf den Vulkanen der Kanaren, den Nationalparks in den USA oder beim Samstagsausflug in meiner Wahlheimat, der Schweiz. Das wiederum funktioniert nur, weil ich meine Liebe uneingeschränkt mit meinem Lebensgefährten teilen kann – sodass wir praktisch keine Meinungsverschiedenheiten kennen, wenn es um die Auswahl von Reisezielen und -routen geht.

Und dafür möchte ich meinem Schatz Reto an dieser Stelle von Herzen danken! Es war wunderbar, mit dir den Vulkangipfel des Monte Teide auf Teneriffa zu erreichen, die Geysire und Bisons und vieles mehr im Yellowstone-Nationalpark zu bestaunen, einen unglaublichen Sonnenuntergang auf der Überfahrt von Nanaimo nach Vancouver zu erleben, die südfranzösischen Tropfsteinhöhlen zu erkunden, am endlos weiten (Fast-)Algarve-Strand im Atlantik zu baden, im Sequoia-Nationalpark mit einer Bärenfamilie auf Tuchfühlung zu gehen, die Erinnerung an eine Wanderung durch unberührten Schnee auf unserem Hausberg (die ich zur Abwechslung mal allein gemacht habe) zu teilen – und noch so vieles mehr erlebt zu haben.

Souvenirs mit Liebe zur Natur gewählt

Bei so vielen grossartigen Reisezielen entsteht unweigerlich das Verlangen nach Souvenirs – nach Erinnerungen an die unbeschreiblichen Eindrücke. Doch gerade Souvenirs aus der Natur oder mit Bezug dazu sind oft mit Kontroversen behaftet: Zerstörte Stätten und Missachtung von Artenschutz-Gesetzen dämpfen nicht nur unsere Freude an Reisezielen, sondern machen auch deutlich, wie bitter nötig unsere Erde die Achtsamkeit all ihrer menschlichen Bewohner hat.

Aber welche Andenken an die Natur können wir mit heimnehmen und dabei Achtsamkeit zeigen oder gar den Schutz ihrer Wunder fördern anstatt sie zu zerstören? Hier sind meine bzw. unsere liebsten Souvenirs und Mitbringsel als Anregungen:

 

1. Fotos

Im heutigen Digitalzeitalter muss mit Aufnahmen nicht mehr gespart werden. Dahingegen sind immer mehr Pflanzen (und Tiere) aus gutem Grund geschützt. Nachdem ich als Kind noch das Pressen von Pflanzen gelernt und das “klassische” Alpenkräuter-Herbarium meiner Mutter bewundert habe, habe ich mir vor einigen Jahren ein “digitales Herbarium” angelegt.

Souvenirs , die der Natur nicht schaden: Feuerlilie im digitalen Herbarium

Eintrag im digitalen Herbarium, Marke Eigenbau mit MS Access. Die wilde Feuerlilie ist eine streng geschützte Rarität aus dem Engadin im Kanton Graubünden.

 

Hier hat man zwar das Material selbst nicht in der Hand, aber die Vorteile sind bestechend: So kann ich die auf Fotografien “gesammelten” Pflanzen nicht nur jederzeit frisch und in ihrer natürlichen Umgebung bewundern, sondern auch seltene, gefährdete oder/und in Schutzgebieten wachsende Arten ohne Skrupel in die Sammlung aufnehmen.

Und auf die gleiche Weise können Insekten und andere Tiere, Bäume und vieles mehr ohne Schaden an der Natur gesammelt werden.

 

2. Steine, Mineralien, Fossilien, Sand

Versteinerte Lebewesen oder gar Kristalle selbst zu finden ist nicht nur für Kinder ein eindrückliches Erlebnis mit Erinnerungswert und im besten Fall mit einem Gratis-Andenken obendrauf. Bevor die Suche danach jedoch erfolgreich enden kann, ist oft eine sorgfältige Recherche von Fundstätten und möglichen Verboten oder Genehmigungsmöglichkeiten für eine Suche nötig. In Schutzgebieten dürfen auch Sand und Steine nicht mitgenommen werden – es sei denn, das ist ausdrücklich erlaubt! (Besonders auf dem amerikanischen Kontinent haben wir Gegenden und Naturparks entdeckt, in denen das Schürfen nach Mineralien oder das Goldwaschen gar als Attraktion vermarktet wird.)

Dafür gibt es in vielen Besucherzentren und Museumsshops sowie in Mineralienfachgeschäften in geologisch spannenden Gebieten Mineralien und Fossilien zu kaufen (und die sind nicht einmal zwingend teuer). Allerdings gibt es auch hier viel Kitsch: Insbesondere Achat-Scheiben in leuchtendem Grün, Blau oder gar Pink sind garantiert künstlich eingefärbt! Zu meinen Favoriten unter den käuflichen Souvenirs zählen daher naturbelassene Mineralien aus der bereisten Gegend.

Souvenirs, die nicht schaden: Mineralien aus dem Museumsshop

Einblick in meine Mineraliensammlung – enthält viele, grösstenteils gekaufte Mitbringsel

 

3. Muscheln und Schnecken

Die allermeisten Menschen, die schonmal am Strand gewesen sind, werden dort auch Muscheln gesammelt haben. Trotzdem oder gerade deshalb gibt es um diese beliebten Souvenirs in der Onlinewelt heisse Kontroversen.

In meinen Augen sind diese jedoch, zumindest was das Auflesen von Muschelschalen am Badestrand betrifft, übertrieben – zumal es unmöglich sein dürfte, der Menschheit einen derart eingefahrenen Brauch einfach “abzugewöhnen”.

Natürlich kann auch am Strand Schalen einer geschützten Art auftauchen (wer ganz sichergehen will, sollte sich daher vor dem Sammeln gründlich informieren, welche Fundstücke “Ärger machen” können, zum Beispiel in der Artenschutz-Datenbank beim deutschen Zoll). Viel wahrscheinlicher ist die Begegnung mit solchen – auch mit lebenden Exemplaren – beim Schnorcheln, Tauchen oder in Souvenirshops, zumal die Herkunft der Waren in letzteren oft unklar und die Aussagen von Händlern nicht verlässlich sind.

Deshalb nehme ich mir lieber selbst eine Muschel als Souvenir vom Strand mit und weiss, woher sie kommt, und lasse möglicherweise bedenkliche und nicht selten kitschige Souvenirs in Läden links liegen.
Manche Länder verbieten allerdings generell die Ausfuhr von Naturalien wie Muscheln und Steinen, sodass ich nur empfehlen kann, sich vorab über die Gesetzeslage am Ziel der Reise zu informieren.

Weichtierschalen aus der Nordsee, die ich vor knapp 20 Jahren am Strand gesammelt und bestimmt habe.

Weichtierschalen aus der Nordsee, die ich vor knapp 20 Jahren am Strand gesammelt und bestimmt habe.

 

4. Samen und Setzlinge

Pflanzen können ebenso – und ebenso berechtigt – unter Artenschutz stehen wie Tiere, weshalb ich das Foto-Herbarium aus Punkt 1. führe anstatt Wildpflanzen zu sammeln. Viele botanische Gärten und Naturparks bieten inzwischen jedoch Setzlinge oder Saatgut aus eigener Nachzucht an, die mein Lebensgefährte und ich als Andenken sehr schätzen – zumal Reto praktisch alles erfolgreich zum Keimen bringt. Er hat jedoch nicht einfach nur einen grünen Daumen, sondern informiert sich gründlich, welche – oft zeitaufwändigen – Sonderbehandlungen exotisches Saatgut oft “verlangt”.

Dabei sind besonders die exotischeren Souvenirs nicht nur der klimatischen Anforderungen wegen nur als Zimmer- oder allenfalls Balkon-Kübelpflanzen geeignet, sondern sollten auch daran gehindert werden in unserer heimischen Umgebung zu verwildern. Denn viele “fremde” Arten haben hierzulande keine natürlichen Feinde und können so ungehindert eine regelrechte Invasion in hiesige Ökosysteme starten. Deshalb gehören exotische Setzlinge nicht in den Garten.

Retos Jungpflanzenzucht - Mitbringsel, die wachsen

Retos Jungpflanzenzucht – Mitbringsel, die wachsen

 

5. Geocaching

Mit dem GPS-Gerät oder einer entsprechenden App auf dem Smartphone rund um den Globus nach von Mitspielern versteckten Schätzen suchen ist für uns auch eine Form der Souvenir-Jagd. Denn für jeden gefundenen Geocache darf ein Cacher einen Kommentar (ein “Log”) zum Eintrag dieses Schatzes im Verzeichnis auf www.geocaching.com hinterlassen und bekommt diesen Fund fortan als solchen auf der persönlichen Geocaching-Googlemap als solchen angezeigt.

So haben uns nicht nur die Erschaffer vieler Geocaches an unseren Reiserouten an überraschende und unbekannte Orte geführt, sondern das Eintragen der Fundlogs in die Land- bzw. Weltkarte ermöglicht es uns, unsere Reiserouten noch einmal nachzuvollziehen und Erinnerungen – die wohl wertvollsten Souvenirs wieder aufleben zu lassen.

An vielen geologisch interessanten Stätten wartet zudem ein sogenannter “Earthcache”, an dessen Koordinaten anstelle der Suche nach einem Behälter Aufgaben gelöst oder Fragen zur Umgebung beantwortet werden sollen. So lässt sich vielerorts einiges über die Wunder der Natur lernen – und Wissen ist ein weiteres völlig unverfängliches Souvenir aus der Natur.

 

6. Patenschaften

Während unserer Reise durch die grossen Nationalparks der Vereinigten Staaten im Sommer 2014 haben wir eine Möglichkeit entdeckt mit dem Kauf von Souvenirs sogar direkt zum Schutz der Natur beizutragen: In den Besucherzentren mehrerer Parks können Besucher an Ort und Stelle eine Tierpatenschaft übernehmen. Für eine einmalige Spende von 30$, welche dem Schutz der Tiere im Park zugute kommen sollen, gab es eine Patenurkunde und ein Plüsch-Exemplar des “Aushänge-Tiers” des jeweiligen Parks.

So haben wir Retos Schwester anstelle irgendeines Gegenstands von fraglichem Nutzen kurzerhand eine Paten-Urkunde aus dem Zion-Nationalpark mitgebracht und hatten überdies ein Maskottchen für die weitere Tour:
Im Sommer 2015 haben wir die Patentiere in den Parks im nördlicheren Teil der Staaten leider nicht wiedergesehen, doch hoffe ich auf ihre Rückkehr (2017 werden wir wieder nachsehen) und ebenso darauf, dass dieses Beispiel für wirklich nützliche Andenken auch andernorts Schule macht.

Souvenirs , die Nutzen haben: "Little Bighorn", unser Maskottchen als Beigabe zur Patenschaft für ein Desert Bighorn Sheep.

“Little Bighorn”, unser Maskottchen als Beigabe zur Patenschaft für ein Desert Bighorn Sheep.

Fazit

Die Suche nach Souvenirs, welche mit der Liebe zur Natur vereinbar sind, verlangt in den meisten Fällen ein wenig (oder ein wenig mehr) Sachkenntnis. Doch gerade das Lernen über die Natur am Reiseziel vorab und vor Ort macht eine Besichtigung oder gar ein Erlebnis gleich noch einmal so spannend – und bringt mich der Natur erst richtige nahe.Tatsächlich gebe ich meiner Liebe zur Natur durch das Lernen – und Lehren – über sie erst Ausdruck.

Der einfachste und unverfänglichste Weg zu Souvenirs aus der Natur führt in meinen Augen heutzutage über Hilfsmittel aus der digitalen Welt, wie der Fotografie, welche uns erlaubt selbst geschützte Arten und einzigartige Stätten mit nach Hause zu nehmen ohne sie zu gefährden.

Und welche Souvenirs aus der Natur bringt ihr mit heim?

Collage Sonnenfinsternis

Sommerzeit ist Zeit für die Natur – zum Beobachten und Staunen. Und dieses Staunen über die Natur hat mich schon zeitlebens begleitet – und schliesslich zur Blogparade “Augen auf! Wo mich die Natur zum Staunen bringt“, die noch bis zum 4.9.2016 läuft, inspiriert. Dieser besondere Beitrag dazu – auf dem Blog, der sich ums Staunen dreht, enthält meine Erinnerungen an den Sommer 1999, als meine Schule zum anlässlich eines ganz besonderen Naturereignisses einen klassenübergreifenden Schulausflug veranstaltete: Am 11. August 1999 war über Süddeutschland eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten!

Von Zeit zu Zeit geschieht es, dass der Mond für einige Minuten zwischen Sonne und Erde gerät, damit den Sonnenstrahlen im Weg ist und so einen Schatten auf die Erde wirft. Tatsächlich kommt der Mond auf seiner Bahn sogar jeden Monat in der Region zwischen Sonne und Erde vorbei. Als Resultat dessen weist seine bestrahlte Seite an solchen Tagen von uns weg, sodass wir den Mond nicht sehen können: Es ist Neumond.

Da jedoch die Mondbahn um etwa 5° gegen die Erdumlaufbahn um die Sonne geneigt ist, gerät der Mond den Sonnenstrahlen dabei gewöhnlich nicht direkt in den Weg. Wenn er jedoch ausgerechnet an Neumond auch die Erdbahn um die Sonne kreuzt, wird es auf der Erde dort, wo der Schatten des Mondes hinfällt, auch am helllichten Tag kurzzeitig dunkel. Nicht stockdunkel, aber es bleibt doch nur noch 1/10.000 bis 1/100.000 der normalen Tageshelligkeit.

Denn wie es der Zufall will, reicht die Grösse des Mondes aus, um die Sonne von vielen Positionen auf seiner Umlaufbahn gerade vollständig zu verdecken. Wenn das geschieht, spricht man von einer totalen Sonnenfinsternis. Der Schatten, welchen der Mond dabei wirft, ist allerdings nur bis zu 300 Kilometer breit, und den Bereich der Erde, welcher sich während der Finsternis unter diesem Schatten hindurchdreht, wird Kernschattenzone genannt.

Von einem Bereich wenige Tausend Kilometer ausserhalb der Kernschattenzone gesehen gerät der Mond hingegen nur teilweise zwischen Erde und Sonne – und verdeckt auf diese Weise unser Zentralgestirn nur teilweise. Das Ergebnis ist eine partielle – teilweise – Sonnenfinsternis, wie sie in der Schweiz zuletzt 2015 zu beobachten war.

Und schliesslich kann es vorkommen, dass der Mond im Augenblick einer Sonnenfinsternis zu weit von der Erde entfernt ist, als dass er die Sonne vollständig verdecken könnte. Dann kommt es zu einer ringförmigen Sonnenfinsternis, bei welcher die Sonne rings um den zu klein erscheinenden Mond weiter strahlt.

Da ich in Neuss am Niederrhein, im nördlicheren Westen Deutschlands zur Schule ging, war zur Beobachtung der wirklich totalen Sonnenfinsternis eine mehrstündige Reise nach Süden in die Kernschattenzone unabdingbar – in unserem Fall nach Baden-Württemberg ins Schwabenland. Ich durfte dabei sein, da ich den Grundkurs Physik bei Herrn G. gewählt hatte, welcher Teil der Sonnen-Pilgergruppe war. So sind wir noch vor dem Morgengrauen mit zwei Reisebussen in Neuss gestartet, um bescheidenen Wetterprognosen zum Trotz nach der verfinsterten Sonne zu suchen.

Und ich habe damals mit 17 Jahren während des Ausflugs Protokoll geführt und es über all die Jahre aufbewahrt. Nun ist es an der Zeit, meine wohl älteste Geschichte über die spannende Natur auch offen zu erzählen:

11.8.1999, 3:05

Meine innere Uhr war wieder zuverlässiger als der Wecker: Um punkt 2:55 bin ich aufgewacht, früh genug, um ihn leise zu stellen. Meine Rückenschmerzen sind leider nicht weg, wie ich gehofft habe, aber damit werde ich wohl leben müssen, wenigstens heute noch.

3:55

Mittlerweile sitzen wir im Bus und warten auf Herrn G. und die anderen Begleitungslehrer. Dann kann es von mir aus losgehen. Inzwischen ist Herr T., unsere “weibliche Begleitperson”, eingetroffen und versucht uns zu zählen. Auch Herr S. zeigt sich inzwischen, wahrscheinlich sitzt Herr G. im vorderen Bus. Gerade hält “Sigi”, der Busfahrer, eine Ansprache und aktiviert den “Impulsantrieb” [Ich war zu jener Zeit ein fanatischer Trekkie – man sehe mir daher die Star Trek-Vokabeln nach!]. Es geht los!

5:00

Es ist immer noch dunkel und wir fahren ohne Störungen immer weiter gen Karlsruhe. Gerade wurde in den Nachrichten eine Wetterprognose durchgesagt: Die besten Chancen auf Wolkenlücken gibt es in Saarbrücken, was heisst,  dass wir mit Karlsruhe eine gute Wahl getroffen haben [das ursprünglich geplante Ziel war Stuttgart, jedoch war dort nicht mehr mit freiem Himmel zu rechnen, sodass unsere Reiseleitung kurzfristig umdisponiert hatte].

Die Kernschattenzone der totalen Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 vom Atlantik her nach Europa, durch Süddeutschland und am Nordrand der arabischen Halbinsel vorbei bis nach Indien. Die Randzone, in welcher eine partielle Sonnenfinsternis beobachtet werden konnte, erstreckte sich über den Osten Nordamerikas, ganz Europa, einen Grossteil Asiens und Nordafrika.
Animation des Verlaufs von Kernschatten- und Randzone der Sonnenfinsternis am 11.8.1999

Animation des Verlaufs von Kernschatten- und Randzone der Sonnenfinsternis am 11.8.1999

So hatten grosse Teile der Weltbevölkerung Gelegenheit – so denn das Wetter mitspielte – dieses Ereignis zu beobachten, und dementsprechend schlug es auch weltweit hohe Wellen in der Öffentlichkeit.

Ausserdem wurde berichtet, dass in Rio de Janeiro irgend so ein bekloppter Gefängniswärter alle seine wegen Mordes verurteilten Gefangenen freigelassen und sich mit ihnen besoffen hat, da er mit dem Weltuntergang rechnete. Also wenn jemand sagt, der Mensch wäre in den letzten Jahrhunderten irgendwie klüger geworden, muss ich ihm wohl unrecht geben! Heutzutage wird noch genauso viel Furore von wegen Weltuntergang um die Sonnenfinsternis gemacht wie es früher der Fall war, und es wird allerhöchstwahrscheinlich genauso laufen wie immer: Es wird ganz normal Donnerstag werden, dann Freitag, und so weiter.

Es gibt zahlreiche Überlieferungen quer durch die Weltgeschichte, in welchen die kurzzeitige Verdunklung der Sonne als Unglücks-Zeichen oder Missfallen der Götter gedeutet wird (die in der Bibel beschriebene mehrstündige Verfinsterung anlässlich der Kreuzigung Jesu gehört übrigens nicht dazu, denn der Tag der Kreuzigung ist auf einen Feiertag im jüdischen Kalender festgelegt, der niemals auf Neumond fällt).

So soll der griechische Philosoph und Mathematiker Tales von Milet in der Zeit eines Krieges zwischen Medern und Lydern (vermutlich 585 oder 581 v.Chr.) eine Sonnenfinsternis – als einer der ersten Menschen überhaupt – vorausberechnet haben. Als diese dann auch tatsächlich geschah, waren die Kriegsparteien so vom Unmut ihrer Götter erschüttert, dass sie ihre Kriegshandlungen schnellstens eingestellt und Frieden geschlossen haben sollen.

Solcher Aberglaube hat sich auch bis in die heutige Zeit, in der man die Umlaufbahnen von Monden und Planeten kennt und ziemlich genau berechnen kann, erstaunlich gut erhalten. Tatsächlich griffen solche Strömungen schon 1999, relativ zu Beginn des Internet-Zeitalters, derart um sich, dass selbst ich als astronomiebegeisterter Teenager ihren Einflüssen nicht ganz entkommen konnte.

Inzwischen haben wir den Rasthof Brohltal passiert und es beginnt zu dämmern. Ich habe meinen ersten Hunger mit einem Mettwurstbrot gestillt. Draussen giesst es in Strömen.

6:01

Die Fahrt verläuft weiterhin ohne Zwischenfälle. Mittlerweile ist es fast ganz hell, selbst die Bäume, die als letztes Farbe “annehmen”, sind nun grün. Wir sind jetzt irgendwo südlich von Koblenz mitten im Wald und es kommt gerade kein Schild. Eben setzte das Radio wieder ein, es hatte vorhin von einer Sekunde auf die andere aufgehört zu laufen. Ein Funkloch? Jedenfalls war das Einzige, das wir den Nachrichten entnehmen konnten, dass Millionen von Menschen nach Süden strömen (werden), um die Sonnenfinsternis zu sehen.

Wir sind jetzt 38 Kilometer vor Mainz und hören gerade, dass der Papst [damals Johannes Paul II.], ein “grosser Fan von himmlischen Ereignissen” mit seinem “Privatflugzeug” abheben und die Finsternis aus der Luft beobachten will. “Fan von himmlischen Ereignissen”, wie das schon klingt…

Jetzt haben wir schon ein Loch in den Wolken und eine Menge Hoffnung auf gutes Wetter, auch wenn die Meteorologen anderer Meinung sind. Inzwischen sind wir bei Bad Kreuznach und es ist fast taghell.

6:55

Schon wieder ist eine Stunde rum und immer noch keine Komplikationen. In wenigen Kilometern erreichen wir eine Raststätte und machen eine halbe Stunde Pause. Eigentlich könnte ich jetzt durchfahren. Aber wir werden schon langsamer, gehen in den “Orbit” um die Raststätte. Argh! Jetzt ist mir der Deckel vom Stift runtergefallen! – Jetzt heisst es aussteigen.

7:34

Die Pause ist vorbei und die “Impulstriebwerke” laufen wieder auf Hochtouren. In der Raststätte habe ich endlich ein Mittel gegen den rebellischen Rücken gefunden: Eine Tasse heissen Kamillentee. Der soll einerseits bei Verdauungsstörungen helfen, andererseits gibt er an Ort und Stelle Wärme ab, ist also eine Wärmflasche von innen. Warum bin ich darauf nicht schon früher gekommen? Für den Tee und eine Laugenbrezel habe ich 4,50 DM ausgegeben.

Jetzt sind wir wieder unterwegs nach Karlsruhe (ein Hinweisschild habe ich schon vor der Pause gesehen). Gerade sagen sie im hessischen Rundfunk, dass sie in den letzten Tagen die begehrten Finsternisbrillen verlost haben, und dass sie ab morgen wieder überall günstig zu haben sind.

Die Sonne sendet grosse Mengen Licht, aber auch unsichtbare UV- und Infrarotstrahlung bis zur Erdoberfläche. Unsere Augen sind dafür geschaffen, den sichtbaren Anteil dieser Strahlen, wenn sie von unserer Umgebung gestreut und zurückgeworfen werden, mittels lichtgetriebener chemischer Reaktionen zu “sehen”.

Wenn wir allerdings mit unserem Blick direkt die Sonne am Himmel streifen, ist uns das in der Regel höchst unangenehm. Und das aus gutem Grund: Die geballte Strahlung direkt aus der Sonne reicht, bei längerer Einwirkung als nur einen Augenblick, aller abschirmenden Atmosphäre zum Trotz aus, um nicht nur die Chemie in den Sehzellen unrettbar durcheinander zu bringen, sondern auch um die Netzhautzellen regelrecht zu grillen. Und unsere Netzhaut hat selbst keine Schmerz-Sensoren, sodass wir das noch nicht einmal mitbekommen!

Mit anderen Worten: Der direkte Blick in die Sonne, länger als für eine kurze Streifung, kann zur Erblindung führen! Und das gilt selbst für kleinste Bereiche der noch sichtbaren Sonnenscheibe während einer Finsternis! Deshalb müssen für direkte Beobachtung der Sonne hoch leistungsfähige Filter verwendet werden.

Im Vorfeld einer Sonnenfinsternis gab und gibt es deshalb spezielle “Sonnenfinsternis-Brillen” im Handel: Papp-Gestelle, in welchen eine spezielle Mylar-Folie anstelle von Gläsern angebracht ist. Diese Folie ist mit einer dünnen Schicht Aluminium oder einer Chrom-Legierung versehen, die mindestens 99,997% des auf sie treffenden sichtbaren Lichts und mindestens 99,5% der Infrarot-Strahlung einfach spiegelt anstatt sie durchzulassen. Die verbleibenden 0,003% des sichtbaren Sonnenlichts reichen aus, um die Finsternis eindrücklich und sicher zu verfolgen. Der gleiche Effekt kann mit Schweisserglas Stufe 14 erreicht werden. Alle anderen Hilfsmittel sind als Sonnenfilter mehr oder minder ungenügend! Für optische Geräte wie Teleskope, die die Sonnenstrahlung naturgemäss bündeln, müssen sogar noch stärkere Filter verwendet werden, die unbedingt vor das Objektiv gehören, wo sie das Licht filtern, bevor es in das Gerät fällt.

[Die Handschrift wird plötzlich unsauber.] Was ist denn hier mit der Autobahn los? Die ist ja ganz hubbelig!

Mittlerweile haben wir nur noch eine dünne Wolkendecke und hoffen alle, dass wir einen mehr oder weniger klaren Himmel haben werden, auch wenn Herr G. schon ganz skeptisch zum Himmel geschaut hat.

8:20

Wir haben den ersten Stau. Wir bewegen uns schrittweise durch einen Wald. Gerade haben Nacera [meine Schulkameraden aus Marokko und ebenfalls ein “Nerd”] und ich in einer Zeitschrift einen Artikel über kollidierende Galaxien gelesen, als wir feststellten, dass die “Impulstriebwerke” auf Leerlauf geschaltet sind. Ein sicheres Zeichen dafür, dass wir die Kernschattenzone bald erreicht haben dürften.

Je näher wir unserem Ziel kommen, desto mehr festigt sich meine Einstellung, dass das ganze Getue mit dem Weltuntergang reiner Unsinn ist.

8:33

Hoppla! Wir sind ja schon in Karlsruhe! Da waren Nacera und ich so in Zeitschrift und Aufzeichnungen vertieft, dass wir das gar nicht gemerkt haben. Jetzt müssen wir nur noch heil zum Messeplatz gelangen.

9:14

Der “Messeplatz” war gar kein Messeplatz, sondern ein “Messplatz” mit einer Strassenbahnhaltestelle namens “Tullastrasse”. Nach einer gründlichen Analyse des Fahr- und Linienplans sind Nacera und ich überein gekommen, in die andere Richtung zu fahren als die anderen, und haben uns prompt verfahren. Jetzt sind wir mit der Linie 2 unterwegs zum Hauptbahnhof um erstmal einen Stadtplan zu finden.

9:54

Wir haben den Schlossplatz gefunden! Hier wird ab 11:12:12 eine Vertonung der Sonnenfinsternis stattfinden. Auf den Wiesen vor dem Schloss und an den Brunnen lagern bereits einige hundert Leute, und es treffen ständig neue ein. Die Himmelsrichtung Süden zu bestimmen war eine Kleinigkeit, da schon mehrere Fernrohre aufgebaut und ausgerichtet sind. Rund um den Schlossplatz haben sich Fressbuden, Bierzelte, mobile Toiletten und eine Unfall-Hilfestelle der Malteser geschart, und ein Streifenwagen fährt Patrouille.

Alles in allem riecht es hier nach Abenteuer und wir sitzen tatsächlich schon zeitweise in der Sonne, auf dem Rand eines Brunnens zwischen riesigen Lautsprecherboxen.

10:47

Es wird kalt. Aber nicht, weil es dunkel wird, sondern weil eine Wolke vor der Sonne vorbei zieht. Wenn sie in wenigen Minuten vorbei ist, kommt wieder ein Abschnitt mit vielen Sonnenlöchern. Jetzt füllt sich der Schlossplatz so langsam, und mittlerweile ist eine ganze Armada von optischen Geräten auf die Sonne gerichtet.

Nacera und ich haben gerade die Lektüre über einige unglaubliche Energiequellen beendet. Zwei Flugzeuge mit riesigen Bannern ziehen ihre Kreise, leider zu hoch um lesen zu können, was draufsteht. Noch sind die Sonnenstrahlen in einer Wolkennische sichtbar und die Sonnenfilterbrillen werden fleissig erprobt. Die Spannung steigt.

11:12:12

Eine Leuchtrakete wird abgeschossen. Der Beginn der ersten Phase der Sonnenfinsternis wird mit einem elektronischen Tusch eingeleitet. Und genau in diesem Moment schiebt sich eine dicke Wolke davor. Na toll! Die Glocke am Schloss läutet, die Motoren der Flugzeuge rumoren und die Menge ist frustriert.

11:36

Ein Raunen geht durch die Menge. Die Sonne blinzelt durch die Wolken. Ich setze meine Brille auf. Als sich meine Augen an den Filter gewöhnt haben, stelle ich fest, dass die Sonne wie ein angebissener Keks aussieht, der Mond schiebt sich aus dem Nordwesten darüber. Dann legen die “Musiker” los. Es ist faszinierend.

12:00

Gerade beschert uns eine dicke Wolke eine Pause und ich merke – Irrtum! Keine Pause! Die Musik setzt wieder ein und ein Riesenloch erreicht die Sonne, die inzwischen eher wie eine Mondsichel aussieht. Die Schatten der Leute weisen zwar auf die Mittagssonne hin, aber die Intensität des Lichts ist schon merklich geringer.

Ich hatte das Glück, auch die partielle Sonnenfinsternis im März 2015 am späten Vormittag in der Schweiz beobachten zu können. Solch ein Ereignis ist bei klarem Himmel auch nicht zu verpassen, denn selbst bei einer nur teilweisen Bedeckung der Sonne durch den Mond – damals waren “nur” maximal 2/3 bis 3/4 der Sonnenscheibe verdunkelt – nimmt die Helligkeit des Tages merklich, um nicht zu sagen dramatisch ab. Ähnlich wie am 11. August 1999 um 12 Uhr mittags wurde das Licht auch an jenem Tag in der Schweiz schwächer, irgendwie fahl – ähnlich einer vorzeitigen Abendstimmung.

12:15

Die elektronische Musik weist neben Vogelstimmen jetzt erstmals vereinzelt Akkorde auf. Durch vorbeiziehende Wolken glaubt man den Mond wandern zu sehen. Der grosse Augenblick ist nahe und die Wetterprognose ist astrein. Unterhalb der Sonne hängt ein roter Luftballon einsam im Himmel. Der Wind wird merklich kühler.

12:22

Die Finsternis geht ihrem Höhepunkt entgegen. Die Sichel der Sonne misst scheinbar nur noch Millimeter, das Licht wird immer schwächer und die Buh-Rufe der Schaulustigen wegen Wolkenfetzen werden vom Donnern der Lautsprecher begleitet.

12:29

Plötzlich nimmt das Licht ruckartig ab, die Sichel wird kürzer, die Musik weist geheimnisvolle Akkorde auf, Leuchtraketen werden abgeschossen, Jubelschreie werden laut, alle stehen auf wie zum Gebet, wir nehmen die Brillen ab.

12:30

Corona.

Totale Sonnenfinsternis am 11.8.1999, aufgenommen in Frankreich

Totale Sonnenfinsternis am 11.8.1999, aufgenommen in Frankreich. Luc Viatour www.lucnix.be [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

12:40

Es wird erstaunlich schnell wieder hell. Wir werfen letzte Blicke auf die wieder aufflammende Sonne, da die nächsten Wolken nahen. Ich erinnere mich an einen Stern, der unterhalb der Corona stand, wohl ein Planet. Es war überwältigend.

Die Korona ist die Atmosphäre der Sonne – auch wenn man die freilich nicht atmen sollte. Sie besteht nämlich aus ionisiertem Plasma, also elektrisch geladenen Atom-Trümmern, und ist mit einigen Millionen °C um Vieles heisser als die Oberfläche der Sonne mit ihren rund 5000°C. Warum die Korona so furchtbar heiss ist, weiss man noch nicht genau.

Voraussetzung dafür ist jedenfalls, dass die Korona eine sehr geringe Dichte hat, also aus sehr dünn verteilten Teilchen besteht. Denn die Temperatur ist letztlich unsere Wahrnehmung der Bewegungsenergie und damit der Geschwindigkeit dieser Teilchen. Und die brauchen Platz, wenn sie so unglaublich schnell werden wollen, ohne sich ständig ins Gehege zu kommen und einander auszubremsen. Die hohe Temperatur der Korona führt auch dazu, dass sie von sich aus leuchtet, wenn auch längst nicht so stark wie die Sonne selbst. Deshalb wird die Sonnenatmosphäre auch nur während einer totalen Sonnenfinsternis sichtbar, wenn der Mond das Licht der Sonne vollkommen “ausblendet”.

Im Jahr 1999 hatten wir das Glück, dass die Sonne zum Zeitpunkt der Finsternis eine besonders aktive Phase hatte, wie sie alle 11 Jahre vorkommt. So konnte man mit ein wenig vergrössernder Optik in der Korona zahlreiche Protuberanzen beobachten. Das sind Ausbrüche von Materie aus der Sonnenoberfläche, die bei einer Dicke von bis 5000km bis zu 40.000km über die Sonnenoberfläche und damit auch deutlich über den Rand des Mondes hinausragen können. Auf dem Foto sind sie als rote Schleifen, die von der Sonne in die Korona hineinragen, zu erkennen.

Den Beginn und das Ende der totalen Phase markieren übrigens jene Augenblicke, in welchen die letzten Sonnenstrahlen durch die Zacken der Mondgebirge hindurch auf die Erde blinzeln. Das Ergebnis ähnelt einem Sonnenauf- oder untergang in den Bergen: Dort, wo die Sonnenstrahlen ihren Weg durch eine Spalte finden, funkelt der Berg – oder der Mond- gleich einem riesigen Brillianten. Deshalb wird diese Erscheinung des “funkelnden” Mondes vor der Sonnen auch “Diamantring-Effekt genannt.

Jetzt wird aus der fälschlichen Abendstimmung eine fälschliche Morgenstimmung, so auch die Musik: Die “aufgehende” Sonne wird von vogelartigen Klarinettentönen begleitet, die Sichel wächst im Walzertakt. Mittlerweile glaubt man wieder den Mond zu sehen, der da durch die Wolken blinzelt, so ähnlich sieht ihm die Sonnensichel.

Ein Käfer krabbelt über meine Hose, ein Hund bellt: Das Leben kehrt wieder.

18:07

Wir stehen im Stau und sind noch nicht mal richtig auf der Autobahn. Gerade ist eine ewig lange Stauvorhersage zu Ende gegangen, die zum grössten Teil wahrscheinlich unsere Strecke betrifft.

Nachdem die Finsternis vorbei war, fing es an zu regnen und Nacera und ich sind in die Stadt gegangen um etwas zu essen. Da es beim gelben “M” zu voll war, sind wir zu einem Italiener gegangen, bei dem wir dann eine Stunde warten mussten, bis wir bestellen konnten, und eine halbe Stunde, bis die Pizza kam. So wurde aus “einmal eben eine Pizza essen” eine 2-Stunden-Aktion. Danach waren wir mehr oder weniger nass und sind ein wenig mit der Strassenbahn durch Karlsruhe gefahren. Später haben wir uns im Foyer eines Museums aufgewärmt und sind auf Umwegen zum Bus zurück gelaufen und gefahren.

Mittlerweile fährt Sigi uns wieder zurück nach Karlsruhe; wahrscheinlich weiss er einen anderen Ausweg. [Tatsächlich haben wir es dank Sigi noch am gleichen Tag zurück nach Neuss geschafft!]

Die nächste Möglichkeit eine – in diesem Fall ringförmige – Sonnenfinsternis zu beobachten gibt es am 1. September 2016 in Afrika. Die nächste totale Sonnenfinsternis gibt es am 21.8.2017 in den USA. Diese Finsternis wird auch in Mitteleuropa bei Sonnenuntergang als partielle Finsternis sichtbar, allerdings wird hier nur etwa 1/1000 der Sonnenscheibe vom Mond bedeckt werden. Erst am 10.6.2021 wird eine ringförmige Sonnenfinsternis im hohen Norden auch bis nach Norddeutschland hinein partiell zu sehen sein. Eine totale Sonnenfinsternis werden wir in Europa jedoch erst im September 2053, anbei an meinem Geburtstag, in Spanien wieder beobachten können. Meine Karten, die noch zu erleben, stehen bislang recht gut und ich hoffe, dann noch fit genug für eine Reise in den Süden zu sein und dieses beeindruckende Spektakel noch einmal geniessen zu können.

Und hast du auch schon eine Sonnenfinsternis beobachten können? Wie waren deine Eindrücke?

Blogparade : Augen auf! Wo mich die Natur zum Staunen bringt

Bald ist es soweit: Am 14. Juni 2016 wird Keinsteins Kiste 1 Jahr alt! Und damit ist es nun an der Zeit für eure Geschichten: Erzählt vom 23.05. bis 04.09. 2016 in unserer Geburtstags-Blogparade, wo oder wann euch die Natur so richtig zum Staunen gebracht hat – oder euch immer wieder zum Staunen bringt!

Ja, richtig! Auf mehrfachen Wunsch und Anregung meiner Leser verlängere ich die Laufzeit dieser Blogparade bis zum 4. September 2016! Denn mancherorts beginnt schon die Ferienzeit – und Ferienzeit ist Zeit zum Entdecken und Staunen!

“Das fand ich ganz furchtbar!” “Das ist doch total schwer!” “Das Fach habe ich nie verstanden…” “Habe ich bei der ersten Möglichkeit abgewählt!”

So oder so ähnlich lauten gefühlte neun von zehn Reaktionen, wenn ich erzähle, dass ich Chemie studiert habe. Und ich kann mir vorstellen, dass es den anderen Disziplinen der Naturwissenschaft nicht sehr viel anders ergeht.

Dabei hält die Natur so viel Spannendes bereit, das es – für uns alle! – zu bestaunen gibt, das wir ergründen oder mit dem wir schlichtweg spielen können. Und solche Naturphänomene sind gar nicht so schwer zu verstehen, wie manch unglücklich verlaufener Chemie-, Physik- oder Biologieunterricht uns glauben machen mag.

Ob wir uns an buntem Licht oder dem Glanz von Gold erfreuen, in der Küche unerwarteten Energieformen wie der Schmelzwärme begegnen, ob wir Pflanzen beim Wachsen zusehen, am Nachthimmel Sterne zählen, ob wir an ferne Orte reisen und funkelnde Geysire beobachten oder atemberaubende Steinformationen finden, ob wir Strom aus Licht gewinnen, oder ob wir im Labor spannende Experimente machen – praktisch immer und überall können wir etwas zum Staunen finden.

Mit dieser Blogparade möchte ich euch alle zum gemeinsamen Staunen einladen – und zwar jede/n, ganz gleich, welchen Bezug ihr bislang zu den Naturwissenschaften habt. Verfasst einen Beitrag auf eurem Blog (falls ihr keinen habt: auf eurer Facebook-Seite oder eurer jeweiligen Lieblings-Plattform) und erzählt von eurer Begegnung mit einem spannenden Naturphänomen:

  • Wo hat mich die Natur zum Staunen gebracht oder bringt mich immer wieder zum Staunen? (Das kann ebenso draussen und unterwegs wie auch im Alltag oder im Labor geschehen…)
  • Welche Empfindungen löst/e diese Begegnung in mir aus?
  • Welche Bedeutung haben Beobachtungen von Naturphänomenen wie diesem in meinem Leben bzw. Alltag? Haben mich Naturwissenschaften schon immer interessiert, oder bin ich vielleicht erst durch diese Blogparade ans Staunen gekommen?
  • Wie lässt sich das bestaunte Phänomen erklären? (Dieser Vorschlag ist noch weniger ein Muss als alle anderen, aber auf Wunsch helfe ich hierbei gerne!)

 

Diese Fragen können euch als Hilfe zur Gestaltung eures Beitrags dienen, sind aber keine Vorschrift. Schreibt, zeichnet, malt, fotografiert oder filmt, was euch zum Staunen in den Sinn kommt, und postet einen Link zu eurem Beitrag bis zum 23.6.2016 in den Kommentaren. Ihr dürft das Bild zu diesem Beitrag gerne als Artikelbild verwenden oder in euer Artikelbild einfliessen lassen!

Anschliessend wird es eine Zusammenfassung der Blogparade mit allen Links hier auf Keinsteins Kiste geben. Ich freue mich schon auf eine Menge bunter Beträge: Also los, auf zum Staunen!

Eure Kathi Keinstein

Tierversuche : Wistar-Laborratte

Peter bekommt eine neue Leber

Das Telefon klingelt. Wieder einmal laufen Peter Schauer über den Rücken. Ob das der lang ersehnte Anruf ist? Peter nimmt den Hörer ab und hört zu. Sein Gesicht nimmt einen Ausdruck irgendwo zwischen Furcht und Freude an, der zu sagen scheint: Endlich ist es soweit!

Peter ist schwer krank und steht auf der Organempfängerliste. Seine Leber funktioniert nicht mehr richtig. Wenn Peter leben möchte, braucht er eine gesunde Leber. Am Telefon ist die Klinik – sie haben ein passendes Spenderorgan und bestellen ihn zur Verpflanzung ein.

Während Peter seine Siebensachen packt und sich zur Vorbereitung auf die grosse OP in die Klinik aufmacht, wartet einige Hundert Kilometer entfernt ein Helikopter an einem anderen Krankenhaus darauf, seine kostbare Fracht entgegen zu nehmen: Sorgfältig in einen Kühlbehälter verpackt wird die Leber eines eben verstorbenen Spenders zum Landeplatz gebracht, um zu ihrem wartenden Empfänger geflogen zu werden. Während des Transports ruht das Organ in einer speziellen Lösung, welche es vor der Kälte und allen anderen Widrigkeiten ausserhalb eines funktionierenden Körpers bestmöglich schützen soll. Nur so kann es so gesund wie möglich verpflanzt werden und dem Empfänger ein “neues” Leben ermöglichen…

 

Ein Morgen im Labor

Im Institut für physiologische Chemie an der Universitätsklinik Essen herrscht morgens um 9 Uhr schon reger Betrieb. Im Präparationsraum spritzt eine Medizinisch-technische Assistentin soeben eine stattliche weisse Ratte in das Reich der ewigen Träume. Das Tier wird narkotisiert, um anschliessend einem strengen Protokoll folgend die Zellen seiner Leber zu entnehmen. Zellen, auf welche die Wissenschaftler des Instituts bereits warten, um Zellkulturen daraus anzufertigen, an welchen sie ihre Experimente machen können. Die spendende Ratte wird aus ihrer Narkose nie wieder erwachen.

Der Raum gegenüber gleicht noch mehr einem richtigen kleinen Operationssaal. Ein Doktorand der Medizin sitzt dort bereits an seinem Arbeitstisch. Vor ihm liegt eine weitere weisse Ratte in tiefer Narkose. Der junge angehende Arzt nimmt an dem Tier eine Lebertransplantation vor: Er entnimmt der Ratte ihre Leber und konserviert sie in einem Behälter mit spezieller Lösung. Dann pflanzt er dem Tier eine andere Leber ein, welche er am Vortag einer anderen Ratte entnommen und in ebensolcher Lösung im Kühlschrank gelagert hatte. Nach Abschluss der Operation wird die Ratte aus ihrer Narkose aufwachen. Die Zeit, welche die Ratte anschliessend mit ihrer neuen Leber überlebt, dient als Indikator dafür, wie gut die verwendete Konservierungslösung für ihren Zweck – das Organ ausserhalb des Körpers gesund zu erhalten – geeignet ist…

Es ist unschwer zu erkennen: In diesem Institut werden Tierversuche gemacht. Und ich bin zu jener Zeit mittendrin – gehöre als Diplomandin zu den Wissenschaftlern, die ihre Zellkulturen aus Zellen der eingeschläferten Ratte anfertigen. Fast ein Jahr meiner Studienzeit habe ich im Tierversuchs-Labor zugebracht, mit den Wissenschaftlern dort gearbeitet und war selbst – zumindest indirekt – an der Nutzung von Tieren für Versuchszwecke beteiligt.

 

Was mich zur Arbeit im Tier-Labor bewegte

Die Faszination, die Geheimnisse des Lebens ein Stück weit zu entschlüsseln und etwas beitragen zu können, das kranken Menschen hilft, hat mich zu meiner Spezialisierung in einem solchen Bereich bewegt. Und wenngleich ich der Forschung im Tier-Labor inzwischen den Rücken gekehrt habe, hat mir dieses eine Jahr wertvolle Einblicke hinter die Kulissen von Tierversuchen gewährt.

Denn das Thema ‘Tierversuche’ wird kontrovers und oft hoch emotional diskutiert – sogar Ärzte (“gegen Tierversuche”), welche man als hoch gebildet einschätzen mag, greifen da zuweilen zu unsachlichen Mitteln, um ihr an sich redliches Ziel zu erreichen: den vollständigen Verzicht auf Tierversuche.

Aber was spielt sich in Tierversuchs-Labors tatsächlich ab?

 

Einige Einblicke in den Alltag im Tierlabor, die auf meinen persönlichen Erfahrungen in Essen fussen:

 

1. Tierversuche macht man nicht “einfach mal eben so”

Bevor ein Wissenschaftler oder seine Arbeitsgruppe Tierversuche machen können, muss er oder sie ein aufwändiges, gesetzlich vorgeschriebenes Antrags- und Bewilligungsverfahren meistern. Das gilt für Deutschland ebenso wie für die Schweiz.

Wer eine Studie mit Tierversuchen plant, muss seine Ziele darlegen und die Eignung bzw. Notwendigkeit der geplanten Versuche zur Erreichung dieser Ziele nachweisen. Zudem setzt sich der Antragsstellende mit der Belastung der Tiere während der Versuche auseinander und wägt die schutzwürdigen Interessen aller Beteiligten (das Wohl der Tiere wie auch den eigenen Nutzen bzw. den Nutzen der Menschheit und Umwelt an den Versuchen) gegeneinander ab.

Schliesslich entscheidet eine Kommission aus Fachleuten darüber, ob ein solcher Antrag bewilligt wird. Die Kantonale Tierversuchskommission (TKV) des Kantons Zürich besteht beispielsweise aus 11 Mitgliedern, darunter 3 Vertretern von Tierschutzorganisationen sowie einem Ethiker und anderen Fachleuten von der Universität Zürich bzw. der ETH.

Erfahrene Wissenschaftler kennen die Vorschriften “ihres” Landes für Tierversuche gut und können oft abschätzen, welches Vorhaben die Mühe eines Antrags lohnt, und welches nicht. Manchmal treiben die strengen Reglementierungen jedoch geradezu Blüten: Unsere Dozenten erzählten dereinst von der Zurückweisung des Einsatzes eines gut wirksamen Narkosemittels im Tierversuch, weil der Wirkstoff als potentiell krebserzeugend gilt. Pikant ist dieser Entscheid deshalb, weil die Tiere im geplanten Versuch nie wieder aus ihrer Narkose aufwachen sollten – womit ihnen reichlich wenig Zeit geblieben wäre, um des Wirkstoffs wegen Krebs zu entwickeln.

 

2. Die “3 R” – Refine, Reduce, Replace – waren auch Anfang 2009 schon massgeblich

Der Einsatz von Tieren in “belastenden” Versuchen, also solchen, die den Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, ist gemäss Artikel 17 des Schweizer Tierschutzgesetzes auf das “unerlässliche Mass” zu beschränken (gleiches gilt auch in Deutschland).

Um dieser Vorgabe gerecht zu werden, folgen Tier-Experimentatoren, auch meine damalige Arbeitsgruppe in Essen, dem 3R-Prinzip: Replace, Reduce, Refine – zu Deutsch: Ersetzen, Verringern, Verbessern.

  • Replace – Ersetzen

Für den Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden ist meine eigene Arbeit in Essen ein gutes Beispiel: Ich habe – wie eigentlich die meisten Mitglieder der Arbeitsgruppe – die meisten Versuche an Zellkulturen gemacht. Zellkulturen sind Ansiedelungen lebender Zellen in künstlicher Umgebung, an welchen die Reaktion einzelner Zellen oder von Zellverbänden auf bestimmte Einflüsse beobachtet werden kann.

Zellkulturen können aus verschiedenen Quellen gewonnen werden: Krebsähnlich entartete Zellen, die sich nahezu unbegrenzt teilen, können fortlaufend vermehrt und zu Versuchszwecken “herangezüchtet” werden: Eine bestimmte Sorte solcher Zellen mit einem regelrechten “Stammbaum” wird als Zell-Linie bezeichnet. Ihre “Entartung” schränkt jedoch gleichzeitig die Aussagekraft von Versuchen an Zell-Linien ein. Deshalb werden auch Zellen aus gesunden Organen verschiedener Lebewesen eingesetzt. Diese “primären” Zellen vermehren sich in der Regel jedoch nicht mehr, sodass für jeden Versuchsdurchlauf neue Zellen gewonnen werden müssen. Primärzellen können aus Organen zu diesem Zweck getöteter Versuchstiere (wie der Ratte aus der Einleitung), aber auch aus Schlacht- oder gar OP-Abfällen gewonnen werden.

Zellkulturen und andere Methoden können einen lebenden Organismus jedoch (noch) nicht vollständig ersetzen. Dennoch eignen sie sich gut für viele Fragestellungen in der Grundlagenforschung: Biochemische bzw. molekularbiologische Prozesse innerhalb einzelner Zellen können nachvollzogen und beeinflusst, oder eine Vorauswahl möglicher Wirkstoffe getroffen werden, ehe aussichtsreiche Kandidaten in Tierversuchen und danach in klinischen Studien weiter untersucht werden.

  • Reduce – Verringern

Neben der Verringerung der Anzahl benötigter Versuchstiere durch die sinnvolle Einordnung von Tierversuchen zwischen grundlegender Forschung an Zellkulturen und klinischen Studien, trug in Essen ein weiteres “oberstes Gebot” zur Minimierung der Anzahl benötigter Tiere dar:

Verschwendung gilt als Todsünde! Ein- bis zweimal in der Woche gab es eine Ratte, die Zellen für die ganze Arbeitsgruppe lieferte, welche bestmöglich zu verwenden waren. Auch deshalb hatten alle Mitarbeiter peinlichst genau darauf zu achten, dass ihre Kulturen stets keimfrei blieben und möglichst restlos für Versuche eingesetzt werden konnten. So sollte keine Ratte unnütz sterben müssen.

  • Refine – Verbessern

Die Wissenschaftler in Essen zeigten sich für Verbesserungen offen: Als ich im Rahmen des Studiums erstmals in das Labor meiner künftigen Arbeitsgruppe kam, wurde die zur Leberzell-“Spende” vorgesehene Ratte zur Narkose-Einleitung noch in einen Kasten mit CO2 gesetzt (das Gas ist dichter als Luft und behindert die Atmung, sodass das Tier im Kasten daran erstickt!), ehe sie eigentlich einschläfernde Spritze bekam. Als ich später die Vorbereitung auf die Diplomarbeit begann, erfolgte die Narkose-Einleitung mit Isofluran, einem in der Tiermedizin gebräuchlichen Narkosegas.

Diese Art methodischer Verbesserungen gestaltet die Arbeit für alle Beteiligten weniger belastend. Die Ratte schläft unter Isofluran-Einfluss relativ friedlich ein anstatt zu ersticken, und den Experimentator belastet es gewiss weniger, dabei zuzusehen. Überdies liefern weniger gestresste Tiere auch weniger gestresste Zellen, sodass Versuche aussagekräftiger und einfacher zu reproduzieren (mit vergleichbarem Ergebnis zu wiederholen) sind. So dienen Verbesserungen wie diese nicht nur dem Wohl der Tiere, sondern können auch die Anzahl eingesetzter Tiere vermindern.

Den Bemühungen um die Beschränkung von Tierversuchen auf ein unerlässliches Mass ist anzurechnen, dass in der Schweiz im Jahr 2014 rund 600.000 Tiere für Tierversuche verwendet wurden – Anfang der 1980er Jahre waren es noch 2 Millionen jährlich. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) veröffentlicht regelmässig Listen mit allen Forschungsprojekten, für welche Tierversuche durchgeführt worden sind.

3. Tier-Experimentatoren sind gut ausgebildet

Wer Tierversuche machen möchte, muss neben seiner wissenschaftlichen Ausbildung auch im Umgang mit Tieren geschult sein: Neben Versuchs- bzw. Operationstechniken lernt, wer eine Fortbildung zur Befähigung zu Tierversuchen macht, auch ganz allgemeine Fertigkeiten zur sicheren und möglichst stressfreien Handhabung von Tieren, Tierpflege und die Einschätzung der Befindlichkeit (Schmerzen!) von Tieren (was besonders bei Kleinnagern nicht ganz einfach ist, da diese als Beutetiere darauf angewiesen sind, sich Schwächen nach Möglichkeit nicht anmerken zu lassen).

Überdies gehörte ein Tierarzt zu unserer Arbeitsgruppe, zu dessen Aufgaben es gehörte, ein Auge auf die Tiere und die Experimentatoren zu haben.

Ich selbst hatte ebenfalls die Möglichkeit, in meiner Diplomanden-Zeit die Befähigung zu Tierversuchen zu erwerben und die Gewinnung der Ratten-Leberzellen zu erlernen. Letztlich konnte ich mich aber tief im Herzen nicht dazu durchringen, selbst Hand an die Tiere zu legen.

 

4. Tier-Experimentatoren sind nette, anständige Leute

Die Wissenschaftler und Mitarbeiter, die ich im Tierversuchs-Labor kennengelernt habe, sind in keiner Weise kaltherzig, sondern empfindsame und verantwortungsbewusste Menschen, die sehr daran interessiert sind, “ihren” Tieren möglichst wenig Leid zuzufügen. In ihrem Arbeitsalltag müssen sie jedoch einen gewissen Pragmatismus an den Tag legen, um mit den Belastungen, die auch ein Experimentator bei der Arbeit mit Versuchstieren erfährt, fertig zu werden.

Nichts desto trotz tauschte man sich über Erlebnisse und Vorkommnisse, auch schon einmal in Form einer “Gruselgeschichte”, mit den Tieren aus. Ich nehme deshalb an, es gab innerhalb des Institutes diesbezüglich wenig Geheimnisse oder Beschönigungen. Auch nicht gegenüber Studenten.

So ist es für jemanden, der in einem Tierversuchs-Labor dieser Art arbeitet, kaum zu übersehen, dass die Tiere letztendlich leiden. Und das tat wohl seinen guten Teil dazu bei, dass ich diesem Forschungsbereich am Ende den Rücken gekehrt habe.

 

Was können wir tatsächlich tun, um das Leid der Tiere im Dienste der Menschheit zu vermindern?

Als Gesellschaft können wir

  • Eine Gesetzgebung anstreben, die in ihrer Umsetzung das Handeln gemäss der drei grossen R fördert, anstatt sie zu behindern
  • Die Geduld aufbringen, welche für die Entwicklung praktikabler und sicherer Alternativen zu Tiermodellen nötig ist – und gleichzeitig den Bedarf nach solchen Entwicklungen erhalten: Die kritische Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber Tierversuchen macht Alternativen dazu aus wirtschaftlicher Sicht erst notwendig und befeuert den Einsatz von Zeit und Geld dafür.

 

Jeder Einzelne kann

  • Die Debatte um Tierversuche sachlich (was nicht gleich beschönigend ist) führen: Sachliche Darstellungen und Auseinandersetzungen mit dem Thema (das gilt nicht nur für Tierversuche) erscheinen glaubwürdig und können sinnvolle Wege eröffnen, auf denen wirklich etwas zum Wohl der Tiere erreicht werden kann.
  • Bei persönlichen Feldzügen in thematisch verwandten Gebieten einen möglichen Zusammenhang mit Tierversuchen beachten – Beispiel: Für die Zulassung neuer Inhaltsstoffe von Medikamenten, Kosmetika und anderer Alltagshelfer schreiben Gesetzgeber, sowohl in der Schweiz als auch in der EU, Tierversuche zur Überprüfung dieser Stoffe auf ihre (Neben-)Wirkungen vor (diese müssen nicht gesondert genehmigt werden und tauchen daher in der Veröffentlichung des BLV nicht auf). Das bedeutet, wenn ein Inhaltsstoff in der Öffentlichkeit als potentiell gefährlich Ablehnung erfährt, wiederholt überprüft und schlimmstenfalls durch eine Neuentwicklung ersetzt wird, geht dies stets mit neuen Tierversuchen einher. Es macht also Sinn abzuwägen, inwieweit eine mögliche Gefährdung durch einen Stoff die Entwicklung eines Ersatzes auf dem “Rücken” von Versuchstieren wirklich rechtfertigt.
  • Für sich bewusst überdenken, welche unserer heutigen “Alltagshelfer”, deren Entwicklung und Anwendung Tierversuche erfordert, verzichtbar sind. Ein derzeit populäres Beispiel für eine in meinen Augen verzichtbare “Technologie” ist die Anwendung von Botox in der Schönheits-Industrie: Botox, besser “Botulinumtoxin”, ist eines der stärksten Gifte der Welt. Deshalb muss jede neue Charge botoxhaltiger Produkte von Gesetz wegen in neuen Tierversuchen auf korrekte Dosierung überprüft werden.

 

Mein Fazit

Auch und besonders nach meiner Zeit im Tier-Labor erachte ich Alternativen zu Tierversuchen als dringendes Anliegen, das unbedingt weiter zu verfolgen ist. Bis solche Alternativen in allen Bereichen verfügbar sind, sollte der Bedarf danach in meinen Augen durch sachliche Auseinandersetzungen wach gehalten werden. Jene, die an Tierversuchen und damit auch an Entwicklungen zum Wohl der Tiere beteiligt sind, verdienen Vertrauen in ihre Menschlichkeit, keine Polemik.

Und ich hoffe, ich habe etwas zu dieser Sachlichkeit beitragen können.

Wie steht ihr zu Tierversuchen? Was kann eurer Meinung nach dagegen/dafür getan werden? Was tut ihr selbst?