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Rezension: Quantenphysik für Babys - Chris Ferries Baby-Universität für die Allerkleinsten?

Das ist ein Ball…

Das ist ein Ball...auch der Anfang jedes Bandes der Baby-Universität

So beginnt auch bei Chris Ferrie jede Reise in die Welt der Wissenschaft an dem einen festen Ausgangpunkt in der Alltagswelt von Kindern. Und dieser Ball wird in jedem Band seiner Bilderbuchreihe über MINT mit mehr oder weniger abstrakten Eigenschaften versehen.

Inspiriert von seinen eigenen vier Kindern möchte der preisgekrönte Physiker schon die Jüngsten mit der spannenden Welt der Naturwissenschaften vertraut machen. Mit robusten Papp-Bilderbüchern, die man getrost auch Kleinstkindern zum Spielen in die Hände geben kann.

Im Internet-Zeitalter, in welchem sich Fehlinformationen aufgrund mangelhafter oder fehlender Vertrautheit mit naturwissenschaftlichen Grundlagen wie Seuchen verbreiten, scheint es nur zu verlockend, Kinder schon möglichst früh mit solchen Inhalten vertraut zu machen, damit ihnen das spätere Lernen auf diesem Gebiet möglichst leicht fällt.

Aber abstrakte Konzepte wie Quantenphysik, Relativitätstheorie, Evolution und Raketenwissenschaft, mit welchen schon wir Grossen zuweilen Mühe haben, für Kleinkinder? Können die mit solchen Inhalten überhaupt schon etwas anfangen? Mein Bauchgefühl – und ich bin immerhin schon seit dem siebten Lebensjahr mit dem Atommodell vertraut (der “Atommaus” nach dem Tschnernobyl-Unglück sei Dank) – war ja von Beginn weg ein wenig skeptisch eingestellt.

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links aus dem Affilinet-Partnerprogramm des Orell-Füssli-Verlags (gekennzeichnet mit (*) – (*) ) – euch kosten sie nichts, mir bringen sie vielleicht etwas für meine Arbeit ein. Ich habe für diese Rezension vom Loewe-Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches und digitale Druckfahnen der weiteren drei Bände erhalten. Herzlichen Dank dafür! Es besteht kein Interessenkonflikt hinsichtlich des Inhalts in diesem Beitrag und dessen Publikation.

Mystische Naturwissenschaften – wirklich so komplex?

Dabei lassen sich die grundlegenden Inhalte der Physik, Chemie und Biologie tatsächlich in einer Weise vereinfachen, die sie wunderbar begreifbar macht, ohne dass sie der Sache in unhaltbarer Weise Abbruch tun. Das haben Modelle so an sich: Sie stellen die Wirklichkeit vereinfacht da, indem sie (nur) genau darin detailreich sind, was man für sein Ansinnen gerade braucht. Und im Verwenden von Modellen sind Physiker (und Chemiker) ja Weltmeister.

Ob als Elektron, massereicher Stern oder fortpflanzungsfähiges Wesen, der Ball erhält bei Chris Ferrie in jedem Band neue Eigenschaften, die tatsächlich nicht immer greifbar – aber mit etwas Geschick erklärbar sind.

Erklärfähigkeit der Eltern und Erzieher ist gefragt

Beispiel “Quantenphysik”: Hier ist diese neue Eigenschaft Energie, dargestellt durch ein sonnenähnliches Leuchten um den Ball. Aber was ist eigentlich Energie? Diese nicht ganz einfache Frage zu beantworten, bleibt den Grossen überlassen, die dieses Buch vorlesen.

Wenn ihr die Antwort nun ganz genau wissen möchtet, findet ihr sie in meinem preisgekrönten Beitrag hier.


Für die schnelle Version ist hier mein Vorschlag für eine Antwort an die Jungforscher

Die Energie ist die Fähigkeit eines Gegenstandes, etwas – auch sich selbst – zu bewegen.

Legt einen realen Ball auf den Schrank: Der hat Energie. Denn: Wenn ihr ihn nur ein wenig anschubst und über die Kante rollt, fällt der Ball runter und hüpft oder rollt davon. Er bewegt sich (und wenn er dabei irgendetwas umschmeisst, bewegt er sogar noch etwas anderes)!

Und wenn er schliesslich liegen bleibt, hat er weniger Energie (wenn ihr im Obergeschoss wohnt und das Kind auf die Idee kommt, den Ball anschliessend vom Balkon oder die Treppe hinunter zu befördern, ist das schnell klar: Es gibt noch ein “Darunter” und damit die Möglichkeit, noch weniger Energie zu haben).


Die Lageenergie lässt sich nicht nur einfach zeigen, sie passt auch zum folgenden Inhalt des Buches.

Bedauerliche Lücke: Atommodell

Der nächste Gedankenschritt gerät leider etwas weit: Bälle bestehen aus Atomen.

Das Bild zu diesem Satz zeigt vor dem Ball eine stilisierte Lupe mit der Darstellung eines Atoms samt Kernteilchen und Elektronenbahnen. Auch diese Seite fordert zusätzliche Erklärung seitens der “Grossen” heraus. Dabei hätte das Atommodell (bzw. das Schalenmodell) durchaus einen eigenen Band in dieser Reihe verdient.

Ich glaubte erst daran, dass bei der Übersetzung von zunächst nur vier Bänden aus der viel längeren Reihe eine unglückliche Auswahl getroffen wurde – aber einen Band zum Atommodell gibt es auch im Original leider (noch?) nicht.

Und das, obwohl die “Sendung mit der Maus” schon Ende der 1980er Jahre in der “Atommaus” vormacht, wie man den Jüngsten Atome nahebringen kann (hat bei mir ja bestens funktioniert).


Mein Vorschlag zur Erläuterung auf Grundlage der Atommaus

Eure Frage an das Kind: Was passiert, wenn du einen Klumpen Spielknete (Plätzchenteig, einen Apfel, ein Stück Holz,…) in zwei Hälften teilst? Das gibt zwei kleine Klumpen. Und wenn du die nochmal teilst? Zwei noch kleinere Klumpen. Und dann nochmal…? Die Klumpen werden immer kleiner. Irgendwann sind sie so klein, dass wir sie nicht mehr sehen können (zumindest nicht ohne Mikroskop). Und dann sind sie schliesslich so winzig klein, dass sie sich nicht weiter teilen lassen:

Diese winzigkleinsten, unteilbaren Teilchen haben die Forscher Atome (= die Unteilbaren) genannt. Alle Stoffe bestehen aus winzigkleinsten, unteilbaren Atomen (auch der Ball). Zumindest glaubten die Forscher lange Zeit, dass die Atome unteilbar wären. Aber dann haben sie herausgefunden, dass man die Atome doch zerteilen kann – und dann erhält man noch winzigere Teilchen.


Elementarteilchen als Bälle

Hier steigt nun das Buch wieder ein: Im Atom gibt es Neutronen, Protonen und Elektronen, dargestellt als violette, rote und grüne “Bälle”.

Für die folgenden Erklärungen hätte man theoretisch auf die Kernteilchen verzichten können, insbesondere, da das dargestellte Beispielatom nicht den Grundregeln der Schulchemie entspricht. Die Anzahl Protonen entspricht nämlich nicht der Elektronenanzahl in der Hülle – und wenn es das so dargestellte Helium- -Ion geben sollte, ist das ein überaus kurzlebiger Teilchen-Exot. Als pedantischer Chemie-Didaktikerin hätte ich hier lieber ein ordentliches Lithium-Atom mit drei Protonen (und meinetwegen zu wenigen Neutronen) gesehen.

Genial einfach: Was eigentlich Quanten sind

Der Erklärung des Begriffs der “Quanten” tut dieser Schnitzer jedoch keinen Abbruch. Im folgenden wird nämlich korrekt gezeigt: Ein Elektron kann auf jeder der Schalen/Umlaufbahnen in der Atomhülle zu fnden sein, aber nicht zwischen diesen Schalen oder im Atomkern. Und je weiter “oben” bzw. aussen sich ein Elektron befindet, desto mehr Energie hat es. Womit wir wieder beim Ball auf dem Schrank aus meiner ersten Ergänzung sind.

Und daraus folgt die Quintessenz aller Quantenphysik – und der dritte erklärungsbedürftige Satz im Buch: “Die Energie ist quantisiert.”


Das heisst: Die Energie der Elektronen kann nur ganz bestimmte, nicht aneinander angrenzende Werte annehmen. Erst mit dieser Erläuterung wird klar, dass auch die Energiemengen, welche die Elektronen zum Wechsel zwischen den Schalen/Bahnen aufnehmen oder abgeben, nur ganz bestimmte Grössen haben können. Und diese ganz bestimmten Energiemengen bezeichnet man eben als Quanten.


Und das ist alles. Das ist tatsächlich das ganze Geheimnis um den mystischen Begriff “Quanten”.

Und was bringt das Ganze den Kindern?

Dass diese Energiequanten und Materieteilchen einander zum Verwechseln ähnlich sind und allerlei für uns schwerlich zu begreifende Eigenschaften haben, bleibt in diesem Buch aussen vor. Darauf einzugehen ist für den ersten Anfang auch nicht nötig.

Denn allein mit dem Inhalt dieses Bandes (und den allenfalls nötigen Erläuterungen dazu) lassen sich einige beliebte Kinderfragen beantworten, die viele Grosse schnell in Erklärungsnot bringen: Was sind Farben? Warum ist der Ball blau? Warum leuchten die Sterne an meiner Wand im Dunkeln? Was bringt unsichtbare Tinte im Schwarzlicht zum Leuchten?

Die einzig nötige Zutat zur “Quantenphysik für Babys” für die Antwort auf solche Fragen ist: Die Energie, welche die Elektronen zum Springen aufnehmen, ist Licht (womit dann – nebenbei – auch das Licht quantisiert ist).

Die detaillierten Antworten findet ihr hier in Keinsteins Kiste

Für die Farben: “Farben, Licht und Glanz- Warum die Welt uns bunt erscheint

(Kurz: Weisses Licht besteht aus vielen verschiedenen Sorten farbigen Lichtes. Die Elektronen nehmen zum Springen ganz bestimmte Farben auf. Die anderen Farben bleiben übrig, kehren zum Auge zurück..und erscheinen so “allein” nicht mehr weiss, sondern farbig.)

Für die Leuchtsterne und das Schwarzlicht: “Kürbis und kaltes Feuer

(Kurz: In den Leuchtsternen lassen sich die Elektronen Zeit mit dem Herunterfallen. Das aufgenommene Licht aus der Lampe kommt einfach erst später wieder zurück (nach dem Ausschalten des Lichtes). Die Schwarzlichtlampe sendet Licht mit besonders hoher Energie aus, das für unsere Augen unsichtbar ist (UV-Licht). Die Elektronen, die dieses Licht aufnehmen, fallen über mehrere Stufen wieder runter und geben dabei kleinere und sichtbare Energieportionen – Quanten – wieder ab.)

Für welche Zielgruppe ist die Baby-Universität geeignet?

In der Austellung “Die Entdeckung der Welt” habe ich vor ein paar Tagen wiederentdeckt, was mir schon aus der Entwicklungspsychologie an der Uni hängengeblieben war: In den allerersten Lebensjahren sind Kinder damit beschäftigt, ihre Sinne auszubilden, Motorik, Sprachfertigkeiten und sozialen Umgang zu lernen. Zum Begreifen abstrakter Konzepte sind Kleinkindergehirne nach der Meinung vieler Psychologen noch gar nicht fähig.

Die Krux bei all diesen Entwicklungsmodellen ist aber: Kein Kind ist wie das andere. Deshalb sehe ich Altersangaben gerade für Spielsachen und Fördermittel in den ersten Lebensjahren nur als grobe Richtlinie an.

Das Interesse muss vom Kind kommen

Bezüglich dieser Buchserie haben der Autor/Verlag und ich selbst es mehrfach angedeutet: “Reif” für die Baby-Universität sind die Kinder dann, wenn sie zu fragen beginnen. “Warum sind die Dinge bunt?” und “Papa, was machst du eigentlich bei der Arbeit?” können da gleichermassen ein passender Einstieg sein.

Zu meiner Zeit gab es solche Bilderbücher noch nicht. Da redete sich mein Physiker-Vater – eigentlich als Meister der Erklärung bekannt – gerne mit “Ich muss noch etwas messen” heraus, wenn wir ihn fragten, warum er zu Unzeiten nochmal in die Uni fahren musste. Die Gedanken an Mamas Küchenwaage oder ihr Schneidermassband waren zweifellos nicht sonderlich aufregend – und die Vorstellung “Physiker messen Dinge” auch nicht. Warum also nicht den Versuch wagen, etwas weiter zu gehen, wenn das Interesse da ist?

Wenn Kinder beginnen, entsprechende Fragen nach der “Natur” ihrer Umgebung zu stellen, kann die Baby-Universität ein nützliches Hilfsmittel sein, um diese zu beantworten und Lust auf mehr MINT zu wecken. Dazu ist allerdings unumgänglich, dass auch die “Grossen”, die den Nachwuchs beim Erkunden der Bücher begleiten, eine grundlegende Vorstellung von den naturwissenschaftlichen Zusammenhängen haben, um das Gezeigte treffend erläutern zu können.

Schaut euch also die Bücher an, bevor ihr sie euren Kindern gebt, und frischt eure eigenen Kenntnisse anhand der Inhalte noch einmal auf!

Und wann beginnen Kinder zu fragen?

Wann Kinder beginnen, die entscheidenden Fragen zu stellen, ist allerdings von Kind zu Kind verschieden. Deshalb möchte ich auch weder die Altersempfehlung des Verlags (ab 2 Jahren) bewerten noch eine eigene abgeben. Die Aufmachung der Reihe als Baby-Bilderbücher gibt in meinen Augen allenfalls das Signal: Es gibt keine Altersbegrenzung nach unten. Legt los, sobald die Fragen kommen – egal, wann sie kommen. Ein “Dafür bist du noch zu klein” als Antwort gibt es bei Chris Ferrie nicht.

Gezielte Frühförderung?

Wer hingegen glaubt, ein (auch vermeintlich hochbegabtes) Kind mit der Bereitstellung solcher Inhalte gezielt in naturwissenschaftlicher Richtung fördern zu können – ohne dass das Kind von sich aus zu fragen beginnt, ist auf dem Holzweg.

Nicht nur, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit des einzelnen Kindes in den ersten (vier) Lebensjahren so stark schwankt, dass es noch gar nicht möglich ist, Aussagen über eine allfällige überdurchschnittliche Begabung zu treffen. Das Kleinkind-Gehirn ist zudem mit “greifbaren” Lerninhalten vollauf beschäftigt und muss erst lernen, Vorstellungen – wie sie für den Umgang mit Modellen nötig sind – zu entwickeln.

Wann es beginnt, sich Dinge vorzustellen und den Wortschatz entwickelt, um solche Vorstellungen zu besprechen, zeigt das Kind selbst – indem es die entsprechenden Fragen stellt.

Nebenzielgruppe: Erwachsene Forscher mit Humor

Als weitere mögliche Leser für die Baby-Universität nennt der Loewe-Verlag erwachsene Beschenkte, die eine Gabe mit Augenzwinkern zu schätzen wissen. Warum also nicht den grossen Forschern zur Mutter- oder Vaterschaft das Buch zum eigenen Fachgebiet überreichen? Vielleicht wird es in Zukunft ja noch richtig nützlich, wenn die “Mama/Papa, was machst du bei der Arbeit?”-Frage kommt.

Weitere in Deutsch verfügbare Bände der Baby-Universität

  • “Raketenwissenschaft für Babys” – Nicht nur wie Raketen funktionieren, sondern auch wie Flugzeuge fliegen wird hier grundlegend erklärt.
  • “Evolution für Babys” – Sich fortpflanzende Bälle passen sich einem Selektionsdruck an: Die Grundlage für eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage, wie die Menschen entstanden sind.
  • “Allgemeine Relativitätstheorie für Babys”: Ganz aktuell zur ersten Fotoaufnahme: “Was ist ein schwarzes Loch?” – Ein extrem gewichtiger Ball sorgt für gekrümmte Raumzeit.

Eckdaten zu den Büchern

Chris Ferrie

(*) Quantenphysik für Babys (*)
ISBN 978-3-7432-0372-3

(*) Raketenwissenschaft für Babys (*)
ISBN 978-3-7432-0370-9

(*) Evolution für Babys (*)
ISBN 978-3-7432-0371-6

(*) Allgemeine Relativitätstheorie für Babys (*)
ISBN 978-3-7432-0373-0

Loewe Verlag GmbH, Bindlach, 2019

Pappe mit Spotlack 20x20cm, 26 Seiten
jeder Band €9,95 / CHF 15,90

Fazit

Wenngleich die “Baby-Universität” nicht aus Babys Quantenphysiker machen kann, bietet sie doch einen altersunabhängigen Einstieg in die wundersame Welt der Naturwissenschaften – wenngleich mit einer aus Chemikersicht schmerzlichen Lücke (das Atommodell).

Die dargestellten Konzepte sind in erstaunlicher Weise einfach, erfordern in meinen Augen aber Erläuterungen seitens der vorlesenden Grossen (die sich – wenn nötig – entsprechende Grundkenntnisse aneignen sollten).

Die Papp-Bilderbücher der “Baby-Universität” sind ein praktisches Hilfsmittel, um erste Antworten auf herausfordernde Kinderfragen zu finden: Warum sind die Dinge bunt? Was ist ein schwarzes Loch? Was machst du bei der Arbeit? Gezielt initiieren lassen sich solche Fragen bzw. Gedankengänge in meinen Augen jedoch nicht.

Überdies mögen sich die Bilderbücher als humorvolles Geschenk – zum Beispiel zur Mutter- oder Vaterschaft forschender Freunde und Verwandte eignen.

Und wann seid ihr das erste Mal mit Konzepten wie einem Atommodell, der Quantenphysik oder schwarzen Löchern in Kontakt gekommen? Wie geschah das? Und wie würdet ihr Bilderbücher zu solchen Themen zum Einsatz bringen?

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links aus dem Amazon-Partnerprogramm (gekennzeichnet mit (*) ) – euch kosten sie nichts, mir bringen sie vielleicht etwas für meine Arbeit ein. Ich habe für diese Rezension eine digitale Druckfahne des Buches erhalten. Es besteht kein Interessenkonflikt hinsichtlich des Inhalts in diesem Beitrag und dessen Publikation.

Treffen sich zwei Moleküle im Labor – und zwar nicht in irgendeinem Chemielabor, sondern im Labor des Molekularbiologen und Blogger-Kollegen Martin Moder. Seine Welt der Lebewesen, Gene und Stoffwechselvorgänge hat auch mich einst in ihren Bann geschlagen und nie wieder ganz losgelassen. Grund genug, euch dieses Buch vorzustellen, das eine atemberaubende Rundreise durch die (Un)Möglichkeiten der heutigen Wissenschaft des Lebens bietet.

Sie fragen sich, was Fruchtfliegen mit Bier zu tun
haben und wie man in einem Reagenzglas ein Schnitzel
züchtet?
Martin Moder stellt die entscheidenden Fragen
zu Biologie und Genetik und beantwortet sie sogar.
Humorvoll und verständlich beschreibt der Molekularbiologe,
wie man wissenschaftlich korrekt kuschelt,
furchteinflößende Hühner züchtet und warum sich
Anti-Aging-Fanatiker mit jemandem zusammennähen
lassen sollten. Selten war es so unterhaltsam,
etwas Spannendes zu lernen!

Anders als der Titel des Buches vielleicht vermuten lässt, geht es darin um weit mehr als leblose Moleküle, bunte Flüssigkeiten in Gläsern und kryptisch erscheinende Formeln. Es geht um unseren Alltag, der voller Leben ist – und damit voller Chemie. Und was jene, die die Chemie beherrschen (oder zu beherrschen glauben…) heute mit den Bausteinen des Lebens anfangen können, klingt vielfach nach Science Fiction…oder absolut faszinierenden Aussichten.

Zum Inhalt des Buches

Eine der grundlegendsten Fragen derer, die sich mit dem Leben beschäftigen, lautet “Woher kommen wir?” Und diese Frage steht auch in Martin Moders Rundreise chronologisch korrekt am Anfang. Von unseren direkten Vorfahren geht es über gemeinsame prominente Urahnen rückwärts in der Zeit bis in jene Epoche, in welcher aus Atomen und Molekülen erstmals Leben wurde.

Nach einem Einblick in die Gestalt der Moleküle dieses ersten Lebens führt auf dem Weg zur heutigen Vielfalt zum nächsten Kapitel.

Dieses ist “dem wunderbaren Prozess, der diese Vielfalt hervorgebracht hat” gewidmet: Dem Liebesspiel. So lernen wir zunächst den Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern kennen, der uns im Rahmen desselben in einen regelrechten körpereigenen Drogenrausch versetzt. Nur scheinbar nüchterner geht es bei den folgenden wissenschaftlich fundierten Anleitungen zum Küssen und Online-Daten und Kuscheln zu und her. Es folgt ein erfrischend unverblümter Exkurs über das beste Stück der Männerwelt und mögliche Antworten darauf, warum unsere Männer unter den Primaten den Grössten haben.

Doch auch wir Frauen kommen nicht zu kurz: Nach einem Einblick in historische Verhütungsmethoden erfahren wir, warum wir entgegen der Aussage von Dr. House bei der Fortpflanzung unumgänglich auf männliche Unterstützung angewiesen sind, aber auch, in welcher Weise sich der Nachwuchs vor der Geburt als wahrer Jungbrunnen bei uns revanchiert.

Das nächste Kapitel widmet Moder den kleinen Helden, die für unsere Erkenntnisse in der Molekularbiologie und daraus folgende medizinische Entwicklungen unverzichtbar sind: Modellorganismen, die bei zahllosen Experimenten zur Erforschung unserer Gene und unserer Stoffwechselvorgänge im Labor unseren Platz einnehmen. Dazu gehören die “hirnamputierten” Fruchtfliegen, die zu einer Art Markenzeichen des Autors geworden sind und ihm und uns so manches über die Entstehung (oder eben Nicht-Entstehung) von Hirntumoren verraten, Zebrafischlarven mit an wolverine-haften Regenerationsfähigkeiten und transparentem Hirnkasten, und ein Robo-Wurm, dessen Steuerzentrale die digitale Kopie eines echten Fadenwurm-Hirnes darstellt.

“Oft lernt man erst, wie etwas funktioniert, wenn man es kaputt macht.” Und in welch faszinierender Weise der menschliche Körper Schaden nehmen und trotzdem funktionieren kann, lässt das vierte Kapitel erahnen.

Von den (kurz- und längerfristigen) Auswirkungen der schmerzhaftesten Insektenstiche der Welt geht es zum Widerstreit zweier Persönlichkeiten, die sich dank eines operativ halbierten Gehirns den gleichen Körper teilen müssen – ein Phänomen mit weitreichenden philosophischen Folgen. Weitaus profaner erscheinen hingegen die Probleme, die das Eigenbrauer-Syndrom mit sich bringt, welches auf ungewollt gehegten Hefekulturen im menschlichen Verdauungstrakt beruht, die kohlenhydratreiche Nahrung an Ort und Stelle zu Alkohol vergären. Ein Kartoffel-Kater mag zwar aufs Gemüt schlagen – andere Parasiten nehmen direkt Einfluss auf unser Verhalten. Und was der von Moder angeführte, weit verbreitete Toxoplasma gondii mit uns anzustellen vermag, klingt, gelinde gesagt, ziemlich gruselig.

Da ist es an der Zeit, sich wieder der Alltagsnähe der (Molekular-)Biologie zuzuwenden. So folgt im nächsten Kapitel eine wissenschaftliche Beleuchtung eines ganz normalen Tagesablaufs, garniert mit biologisch fundierten Tipps zur Erleichterung des Alltags – vom passenden Wecker-Timing über produktivitätssteigernde Massnahmen bis hin zur erfolgreichen Moskito-Abwehr im Schlafzimmer.

Zu guter Letzt führt unsere Rundreise zu Errungenschaften, welche die Molekularbiologie uns in naher Zukunft bescheren kann und wird. Und diese Aussichten sind wahrlich spektakulär, wenn nicht sogar befremdlich. Fleisch aus dem Zellkulturlabor kann binnen Jahrzehnten die Nahrungsmittelerzeugung revolutionieren, Copy+Paste-Reparaturen an unserem Genom Erbkrankheiten besiegen.

Die Epigenetik, die Lehre der Vererbung von Eigenschaften durch Veränderungen an der DNA, die nicht den genetischen Code, sondern dessen Interpretation betreffen, steckt hingegen noch in den Kinderschuhen.

Das Verlangen nach der Erfüllung eines Traumes vieler Menschen, dem Austricksen des Alterungsprozess, gipfelte schon in der Vergangenheit im Zusammennähen von jungen und älteren Tieren – mit dem Ergebnis: Jugend ist übertragbar. Wie man das auch ohne Nadel und Faden bewerkstelligen kann, ist ein weiterer Gegenstand zukunftsweisender Forschung. Eine andere Möglichkeit ist das Einfrieren des Gehirns mitsamt seinem letzten Speicherstand vor dem Ableben – um diesen eines fernen Tages in einen Cyborg zu füttern, oder zumindest auf unsere Lebenserfahrung Zugriff zu erhalten.

Und dann ist da noch die Wiederbelebung ausgestorbener Arten – Michael Crighton liess schon in den 1990ern mit “Jurassic Park” grüssen. Als realistischere Alternative zur Wiedererschaffung von Dinosauriern stellt Moder die Suche nach und Wiederaktivierung von “verlorenen” Dino-Genen in der DNA lebender Vögel vor. Bei den so in Aussicht gestellten Velociraptoren-Hühnern fühle ich mich spontan an die “Todeskralle” aus der “Fallout”-Videospielreihe erinnert. Greifbarer und zudem mit praktischem Nutzen garniert erscheint dagegen die Wiederbelebung des Mammuts.

So drängt sich zum Schlusswort die Frage auf, inwieweit all dieses Wissen und die futuristisch anmutenden Technologien dem (menschlichen) Leben seinen Zauber nehmen können. Und hinsichtlich derer stimme ich Martin Moder von Herzen zu, wenn er schreibt: “Einzigartig macht uns die Tatsache, dass uns eine Jahrmilliarden andauernde Evolution zu der intelligentesten Spezies gemacht hat, der wir im Universum bisher begegnet sind.” Unser Zauber besteht also darin, dass wir es von sich selbst reproduzierenden Molekülen in der Ursuppe zu einer Spezies gebracht haben, die ihre weitere Entwicklung alsbald selbst in die Hand nehmen kann.

Und das ist in meinen Augen mindestens so beeindruckend wie die im Buch geschilderten Einblicke in die mannigfaltigen Möglichkeiten der Molekularbiologie.

Mein Eindruck vom Buch

Die Biologie – insbesondere jene des Menschen – ist eine Wissenschaft, die sich mit Tabuthemen beschäftigt. Sexualität, Krankheit, Alter und der Tod sind nur einige darunter, die auch in diesem Buch eine grosse Rolle spielen. Umso erfrischender ist es zu lesen, mit welcher Unbefangenheit Martin Moder über diese Gegenstände “seiner” Wissenschaft schreibt.

Ebenso – besser: fast ebenso unbefangen präsentieren sich die passenden Kapitelillustrationen von Mandy Fischer (Tatsächlich findet sich mindestens eine davon in entschärfter Fassung im Buch. Wer nun neugierig auf das Original ist, findet dieses hier auf dem Blog des Autors).

So findet hier jeder Gelegenheit, viel Spannendes und Verblüffendes über sich und die anderen Bewohner unseres kleinen Planeten zu lernen. Und dabei auch noch Spass zu haben – denn der Humor, mit welchem der Autor sein Fach präsentiert, hielt bei der Lektüre stets mindestens ein amüsiertes Schmunzeln auf meinem Gesicht (Körpereigener Drogenrausch ist schon was feines – der Entzug, nachdem das Buch viel zu schnell zu Ende ist, hingegen weniger).

Dazu liefert der Autor eine reichhaltige Sammlung weiterführender Quellen, die beweisen, dass es hier um ernsthafte Wissenschaft geht – die ohne Weiteres auch mit Humor betrieben werden kann.

Eckdaten rund ums Buch

(*)


Martin Moder: Teffen sich zwei Moleküle im Labor (*)
Verlag Ecowin, 2016
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
ISBN 978-3711000934

 

Fazit

Wer bereit ist, unbefangen die humorvolle Seite eines spannenden Zweiges der Wissenschaft zu geniessen, wird an der Lektüre dieses Buches viel Freude haben – und darüber hinaus lernen können, dass Molekularbiologie und Gentechnik weit mehr sind als eine verdammenswerte schwarze Kunst. Der lockere, humorvolle Schreibstil macht die Inhalte hochmoderner Forschung ohne besondere Vorbildung seitens des Lesers verständlich. Dennoch bin selbst ich – von ähnlichem Fach wie Martin Moder – immer wieder über die Möglichkeiten der Wissenschaft von heute und morgen ins Staunen gekommen. Für den fachlich interessierten Leser bietet das Literaturverzeichnis überdies eine Auswahl wissenschaftlicher Artikel, die einen tieferen Einblick in die geschilderten Zusammenhänge bieten.

Kurzum: Wer bislang noch keinen Spass an echter Wissenschaft gefunden hat, wird ihn bei dieser Lektüre finden.