Fliegenpilz hebt Moos ab - Wie Pilze wachsen - das Geheimnis weicher Kraftprotze

Zur Zeit haben sie wieder Hochsaison: Pilze – die nicht nur im Wald aus dem Boden schiessen. Dabei nehmen nicht nur die Pilze selbst zuweilen wunderliche Formen an. Auch ihr Standort erscheint uns manchmal unmöglich. So hat meine Leserin Pia schon Pilze gefunden, wo eigentlich Autos fahren sollten – und damit eine Anregung zu ihrer Leserfrage:

Mich fasziniert immer, dass ein Pilz-Fruchtkörper durch ziemlich harte Oberflächen kommt, obwohl er doch selber weich ist. Ich habe einmal Champignons gesehen, die eine asphaltierte Hofeinfahrt durchbrochen haben. Wie “macht” der Pilz das?

Röhrling wächst zwischen Steinen

Dieser Röhrling (Birkenröhrling? Kiefernsteinpilz? Egal – in jedem Fall lecker) hat seinen Weg zwischen den Steinen hindurch gefunden. Dabei hilfreich: Der Hut wächst erst dann in die Breite, wenn der Stiel ihn über die Hindernisse hinaus gehoben hat. Was aber, wenn es keine Lücken zum Hindurchwachsen gibt?

 

Was sind eigentlich Pilze?

Biologen teilen die Welt der Lebewesen in zwei grosse Gruppen ein: Solche, deren Zellen ohne Zellkern auskommen (diese nennen sie Prokaryonten) und solche, deren Zellen einen Zellkern haben (diese nennen sie Eukaryonten).

Die Prokaryonten sind meist einzellige Lebewesen, wie zum Beispiel Bakterien. Und sie sind erdgeschichtlich die ältere Art von Leben – den Zellkern hat die Evolution nämlich erst nach der lebensfähigen kernlosen Zelle hervorgebracht.

Vielzellige Lebewesen, die wir mit dem blossen Auge überall sehen können, zählen zu den Eukaryonten. Die werden von den meisten Menschen unbedarft in zwei Reiche eingeteilt: Die Pflanzen und die Tiere (zu denen auch wir Menschen zählen). Dabei fällt allerdings eine dritte und um so spannendere Gruppe durchs Raster: Das Reich der Pilze.

Richtig: Pilze sind weder Tiere noch Pflanzen, sondern eine ganz eigene Sorte Lebensform!

Wie sind Pilze aufgebaut?

Ohne Vergrösserungshilfen gesehen besteht ein vielzelliger Pilz hauptsächlich aus einem Fadengeflecht, dem sogenannten Myzel, das meist verborgen im Boden oder in totem Holz wächst (es gibt auch einzellige Pilze wie die Bäckerhefe, mit der ich hier experimentiert habe). Was wir im Wald an der Oberfläche sehen, sind die Fruchtkörper, die aus dem Myzel-Geflecht wachsen, damit der Pilz sich vermehren kann.

Pilze sind jedoch weder Tier noch Pflanze, sodass sich Pilzzellen deutlich von Tier und Pflanzenzellen unterscheiden. Pilzmyzel und Fruchtkörper bestehen nämlich aus Bündeln von langen, schlauchartigen Zellen (die die Pilzforscher Hyphen nennen). Die Formgebenden unter diesen Schlauchzellen sind teilweise alles andere als “weich”, sondern haben ein Zell-Aussenskelett aus grossen Proteinen.

Das Zellskelett hält das Innere der Zelle in gewünschter Form zusammen: weiche Zell-Innereien, Proteine, Nährstoffe finden so ihren Platz…und natürlich auch Wasser. Und zwar eine ganze Menge davon. Wer schon einmal Speisepilze im Ofen oder in der Sonne getrocknet und gesehen hat, was dann übrig bleibt, kann erahnen wie viel Wasser in so einem Pilzfruchtkörper steckt.

Die Wassermenge wird über die Menge der wasserlöslichen Stoffe in den Zellen gesteuert: Je mehr solche Salze und Proteine in den Zellen sind, desto mehr Wasser gelangt durch Poren dazu, und desto praller werden die Zellen: Auf die Zellaussenwand wirkt von innen ein zünftiger osmotischer Druck.

Wie wachsen Pilze?

Die Stränge des Myzels wachsen, indem jeweils an der Spitze der Hyphen-Bündel weitere Zellen angebaut werden. Wenn im Wald andauerndes warmes sowie feuchtes Wetter herrscht, wachsen ausserdem neue Hyphen-Bündel in Form von Fruchtkörpern.

Pilze vermehren sich durch Sporen

Viele dieser Fruchtkörper haben die “klassische” Form mit Stiel und Hut. Auf der Hutunterseite befinden sich dann feine Lamellen oder Röhren, in denen die Enden besonderer Hyphen verborgen sind – nämlich solcher, die Sporen produzieren und freisetzen können.

Ständerpilz mit Stiel und Hut, hier seitlich aus einer Steinstufe wachsend

Typische Pilzfruchtkörper aus Stiel und Hut mit Lamellen. Diese hier wachsen seitlich aus einer Stufe aus porösem, steinähnlichem Material – nicht unbedingt dort, wo man Pilze erwarten würde.

Als ich neulich ein paar schöne Maronenpilze mit herrlich hellgelben Röhren gefunden und abgeschnitten habe, waren die Röhren im Handumdrehen dunkelgrau verstaubt: Durch die Bewegung hatten sich Sporen daraus gelöst und in meinem Tragebehälter alles eingestaubt. Dem Geschmack tut das übrigens keinen Abbruch – das Pilzgericht daraus war nachher trotzdem sehr lecker.

Diese Sporen haben die gleiche Aufgabe wie Samen von Pflanzen: Sie gehören eigentlich in den Waldboden, wo jede einzelne von ihnen den Anfang für ein neues Pilzmyzel machen kann.

Das Myzel wird übrigens nicht beschädigt, wenn ihr den Stiel eines Fruchtkörpers sorgfältig mit einem scharfen Messer abschneidet. So können die “Pilze”, die wir sammeln, über Jahre hinweg aus dem gleichen Pilzgeflecht nachwachsen!

Wie Pia schon beobachtet hat, schieben die Fruchtkörper mitunter nicht nur Laub und Tannennadeln, sondern zuweilen erstaunlich schwere Hindernisse auf ihrem Weg an die Erdoberfläche “beiseite”.

Woher nehmen die Pilze diese Kraft?

Wachstum bedeutet, dass in komplexen biochemischen Reaktionen sehr grosse Moleküle aufgebaut und angeordnet werden. Diese Biochemie wird allerdings nicht davon beeinflusst, dass irgendwer vorab eine Raumplanung macht. Aber die Produkte dieser Reaktionen müssen schliesslich irgendwo hin. Und Platz gäbe es in der Regel auch genug – wenn da die Sache mit dem Wasser nicht wäre.

Wenn neue Zellen entstehen, voller Salze und Proteine, ziehen sie das Wasser aus ihrer Umgebung durch Poren geradezu in sich hinein. Den Vorgang habe ich anlässlich der Experimente zur Osmose mit Ei ausführlich erklärt. So entsteht in den Zellen ein beträchtlicher Druck. Der hält nicht nur die Zellen prall, sondern wirkt auch auf ihre direkte Umgebung.

Wenn es dort Schwachstellen oder Schlupflöcher gibt, nimmt der wachsende Pilz den Weg des geringsten Widerstands. So finden die Pilzfruchtkörper leicht einen Weg durch porösen Humus oder Laub und Nadeln auf dem Waldboden.

Wiesenchampignons

Auch diese Champignons haben es nicht leicht auf ihrem Weg durch das Wurzelgeflecht des Rasens. Dafür beherrschen sie einen zusätzlichen Trick: Die Fruchkörper entfalten sich erst, nachdem sie durchgedrungen sind, zu ihrer vollen Grösse.

Ist die Umgebung jedoch von härterer Natur, weil sie zum Beispiel von Asphalt oder Pflaster bedeckt ist, lastet der Druck fortlaufend darauf. Der Fruchtkörper beginnt also im porösen Untergrund zu wachsen. Er hat es leicht, bis er auf die harte Decke stösst. Dann drückt er laufend von unten dagegen. Besonders wenn der Asphalt ähnliches Risse oder Schwachstellen hat (die müssen für uns nicht immer sichtbar sein), geben die der Dauerbelastung langsam aber sicher nach.

Langsamkeit ist Trumpf

Und Langsamkeit ist neben dem osmotischen Druck das Geheimnis der Kraft der Pilze. Denn weil sie (relativ) langsam wachsen, können sie den Asphalt durch ausdauerndes Dagegendrücken zum Nachgeben bringen, ohne selbst dabei Schaden zu nehmen.

Ein Material muss also nicht unermesslich hart sein, um feste Körper aufzubrechen, sondern sich nur ausreichend langsam und ausdauernd ausbreiten!

 

Wo ihr eure Leserfrage stellen könnt

Habt ihr auch eine spannende Frage rund um Naturwissenschaftliches im Alltag? Und möchtet ihr gern eine Antwort darauf in Keinsteins Kiste lesen? Jeden Sonntag könnt ihr eure Fragen auf meiner Facebook-Seite kommentieren. Es ist gerade nicht Sonntag? Dann könnt ihr natürlich jederzeit einen der älteren Fragen-Beiträge nutzen!

Habt ihr auch schon einmal einen seltsamen Pilz oder einen Pilz an einem seltsamen Ort gefunden? Was glaubt ihr, wie er dorthin kam?

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