Javel-Wasser : Chlorbleiche!

Was ist Javel-Wasser?

Javel-Wasser oder Eau de Javel ist der volkstümliche Name für eine Lösung des Salzes Kaliumhypochlorit (KClO) oder Natriumhypochlorit (NaClO) in Wasser. Benannt ist die Lösung nach ihrem ersten Herstellungsort Javel (früher Javelle) bei Paris in Frankreich. Ein anderer volkstümlicher Name für die gleiche Lösung ist Eau de Labarraque – nach ihrem Erfinder. Der chemische Name sowie der stechende Geruch der Lösung lassen es schon vermuten: Das Element, das dem Javel-Wasser seinen Charakter gibt, ist Chlor.

Natriumhypochlorit und Kaliumhypochlorit werden in Wasser in ihre Einzelionen zerlegt:

Welche Metall-Ionen – Natrium oder Kalium – enthalten sind, macht hinsichtlich der chemischen Eigenschaften und damit der Gefährlichkeit der Lösung keinen Unterschied. Auf das Hypochlorit-Ion  kommt es an: Es ist eine merklich starke Base, d.h. es kann ein -Ion aus einem anderen Teilchen aufnehmen – zum Beispiel aus Wasser:

Die dabei entstehende hypochlorige Säure HClO ist ein Oxidationsmittel, das mit vielen anderen Verbindungen reagiert, indem es ihnen Elektronen “wegnimmt”.

 

Was kann man damit machen?

Fette und Proteine (“Eiweisse”) sind grosse, sperrige Moleküle, die sich zu oft wasserunlöslichen Flecken zusammenrotten. Wenn sie allerdings mit Basen in Berührung kommen, werden sie leicht gespalten und können in Bruchstücken ausgewaschen werden. Die zerstörerische Wirkung auf Proteine trägt ausserdem dazu bei, dass Javel-Wasser desinfizierend wirkt: Es macht Bakterien, Viren und Pilzen effektiv den Garaus.

Das nutzen nicht nur Schwimmbad- und Pool-Besitzer, die in Natriumhypochlorit einen zahmeren Ersatz für das giftige Chlor-Gas zur Desinfektion ihrer Becken gefunden haben, sondern auch der Zahnarzt, der im Zuge einer Wurzelbehandlung gerne Hypochlorit-Lösung als Bakterienkiller in den ausgeräumten Wurzelkanal gibt, wie mein Zahn 16 aus eigener Erfahrung weiss.

Zudem verlieren viele organische Stoffe ihre Farbe, wenn sie oxidiert werden, sodass Oxidationsmittel als Bleichmittel eingesetzt werden können.

Da ist es kein Wunder, dass ein basisches, bleichendes und desinfizierendes Reinigungsmittel sich grosser Beliebtheit erfreut. In Schweizer Supermärkten findet man Javel-Wasser für wenig Geld in fast jedem Reinigungsmittelregal.

 

Schadet Javel-Wasser der Gesundheit?

Bei falscher Anwendung ja – wie eigentlich alle Stoffe, die wir kennen. Darüber hinaus haben alle reaktionsfreudigen Stoffe wie Hypochlorit den Haken, dass sie nicht wählerisch sind. Das heisst, Basen können alle Fette und Proteine zerlegen – auch diejenigen, aus welchen unsere Körper bestehen – und Oxidationsmittel oxidieren alles, was ihnen in die Quere kommt und sich oxidieren lässt – auch uns. Ebenso wenig macht es vor den nützlichen Mikroorganismen halt, die sich auf unserer Haut tummeln.

Mit anderen Worten: Javel-Wasser wirkt ätzend. Deshalb sind Behälter mit der Lösung mit dem Hinweis “Verursacht schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden.” beschriftet.

Wenn ihr mit Javel-Wasser umgehen müsst, tragt dabei unbedingt Putzhandschuhe und bestenfalls eine (Schutz-)Brille – und gebt acht, dass ihr die Dämpfe nicht einatmet! Auch und gerade die Schleimhäute der Atemwege sind anfällig für Reizungen und gefährliche Verätzungen!

Wenn ihr trotz aller Vorsicht etwas Javel-Wasser auf die Haut bekommt, spült es gründlich – ruhige mehrere Minuten lang – unter fliessendem Wasser ab. Einen Spritzer in die Augen spült noch gründlicher aus – mindestens 10 Minuten lang sagen die Labor-Sicherheitsexperten – und geht danach sicherheitshalber gleich zum Augenarzt. Das gleiche gilt, wenn ihr nach dem Einatmen der Dämpfe Beschwerden habt: Sprecht mit eurem Arzt oder der Giftnotrufzentrale (Schweiz: 145, Deutschland: Ortsvorwahl + 19240, Österreich: 01 / 406 43 43).

 

Schadet es der Umwelt?

Wie schon erwähnt sind Oxidationsmittel auch als Mikrobenkiller nicht wählerisch. So sind Kalium- und Natriumhypochlorit je nach Konzentration sehr giftig für Wasserorganismen. Das Javel-Wasser aus dem Putzmittel-Regal im hiesigen Supermarkt enthält weniger als 5% Hypochlorit (“Chlorbleiche”), womit es nicht mit dem GHS-Symbol für “umweltgefährlich” gekennzeichnet werden muss, sondern mit dem allgemeinen Gefahrensymbol auskommt.

Nichts desto trotz bin ich nachdenklich geworden, als ich auf der Verpackung Toilettenreinigung und Maschinenwäsche als mögliche Anwendungsbereiche aufgeführt gefunden habe. Denn wenn zahllose Menschen kleine Mengen solcher Substanzen in den Wasserkreislauf befördern, kommt letztlich einiges zusammen, welche Klein- und Kleinstlebewesen uns sicher nicht danken werden. Ich kann mir die Zulassung als Reinigungsmittel nur so erklären, dass Abwässer aus Toiletten und Waschmaschinen hierzulande praktisch immer durch ein Klärwerk gehen, das mit Chlorverbindungen aufräumt, bevor es irgendwo anders hingeleitet wird.

Trotzdem: Gebt grössere Mengen Javel-Wasser oder andere Produkte, die Hypochlorit enthalten (zum Beispiel solche zur Poolreinigung) nicht in den Ausguss oder Abfall, sondern bringt sie zur Sondermüll-Entsorgung!

Das Wichtigste aber:

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Gebt niemals Javel-Wasser mit Säuren (z.B. Essig oder Zitronensäure) oder anderen Oxidationsmitteln (z.B. Wasserstoffperoxid) zusammen oder verwendet beide miteinander![/red_box]

Dabei kann nämlich aus der enthaltenen hypchlorigen Säure giftiges Chlor-Gas () entstehen, das lebensgefährliche Verätzungen nicht nur unserer Atemwege verursachen kann, sondern auch für praktisch alle anderen Lebewesen giftig ist.

Das Javel-Wasser aus dem Supermarkt enthält deshalb in der Regel einen Puffer, d.h. einen Stoff, der eine gewisse Menge Säure sofort unschädlich machen kann und die Lösung damit basisch hält. So müsst ihr nicht fürchten, dass euch eure Putzmittel eines verspritzten Tropfens wegen sofort vergiften. Da ihr aber nicht wissen könnt, wie viel Puffer in eurem Javel-Wasser vorhanden bzw. bereits verbraucht ist (der Puffer-Gehalt ist auf der Flasche nicht unbedingt angegeben!), verlasst euch nicht darauf!

 

Was nützt mehr? Javel-Wasser oder Essig?

Javel-Wasser ist eine oxidierende Base, Essig eine nicht-oxidierende Säure. Damit sind diese beiden eigentlich gar nicht miteinander zu vergleichen.

Ihr könnt Essig zum Lösen von Kalk verwenden, der mit der Säure zu wasserlöslichen Ionen und gasförmigem Kohlenstoffdioxid () reagiert.

Javel-Wasser spaltet und oxidiert hingegen organischen Schmutz, während Kalk in basischer Umgebung fest bleibt. Es eignet sich ausserdem zur Behandlung von Schimmelflecken.

Verwendet trotz der sich ergänzenden Wirkungen aber niemals Essig und Javel-Wasser miteinander!

Persönlich habe ich grossen Respekt vor der oft gefährlichen Chlor-Chemie und habe kein Javel-Wasser im Putzschrank stehen. Wenn es um Fett und anderen organischen Schmutz geht, ziehe ich Seife und Wasser als Reinigungsmittel vor. Wie die Seife zu ihrer Super-Waschkraft ganz ohne oxidierende Wirkung kommt, könnt ihr übrigens hier genauer nachlesen.

8 Kommentare
    • Kathi Keinstein
      Kathi Keinstein sagte:

      Dann haben womöglich die französischen Einflüsse auch zur Verbreitung des Eau de Javel in der Schweiz geführt. Gall-Seife schätze ich übrigens auch – nicht nur gegen Fett, sondern auch zur Vorbehandlung von eiweisshaltigen Flecken (Blut!) vor der Maschinenwäsche.

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  1. Birgit Lachner
    Birgit Lachner sagte:

    Ich weiß zwar alles aber trotzdem interessant geschrieben für Laien. Schüler haben mir mal bestätigt, das sie vom Austausch nach Frankreich den typischen Chlor Geruch kennen.

    Antworten
  2. Marie Anne
    Marie Anne sagte:

    Mich würde interessieren, ob Javel als Putzmittel zusammen mit der Ausdünstung von Holz eine schlechte Reaktion in der Raumluft geben kann. Holz ist ja nicht nur umweltfreundlich, es enthält teils auch Ameisensäure und Tepine.

    Antworten
    • Kathi Keinstein
      Kathi Keinstein sagte:

      Vermutlich sind die Stoffe, mit denen Holz behandelt wird, für diese Frage interessanter als die Bestandteile des (unbehandelten) Holzes selbst. Grundsätzlich sind die Mengen “bedenklicher” Stoffe in unbehandeltem Holz nämlich so klein, dass sie nicht “umweltgefährlich” sind (allenfalls für etwaige Fressfeinde der jeweiligen Gehölzsorte).

      So wird nicht genug Ameisensäure vorhanden sein, um nennenswert Chlor in einer Säure-Base-Reaktion freizusetzen.

      Terpene (meinst du die?) sind wiederum eine unglaublich grosse Familie von Stoffen mit unterschiedlichen chemischen Eigenschaften. Einige davon mögen oxidierbar sein, aber für all diese festzustellen ob das, was dabei herauskommt, bedenklicher ist als die ursprünglichen Terpene, würde einen Kommentar hier mehr als nur sprengen.

      Wenn das Holz bzw. seine Oberfläche aber mit irgendetwas “behandelt” oder beschichtet ist, ist dieser Stoff sehr wahrscheinlich in ausreichender Menge vorhanden, um in nennenswerter Weise mit dem Javel-Wasser zu reagieren (wenn sich denn eine Reaktion anbietet). Dabei würde ich mir aber mehr Sorgen darum machen, dass die Oberfläche bzw. ihre Beschichtung oder Behandlung beschädigt wird, als dass es zur Entstehung grosser Mengen problematischer Reaktionsprodukte kommt.

      Da eine Base wie Javel-Wasser pflanzliche Öle und Fette spalten kann, kann ich mir zum Beispiel vorstellen, dass sich Javel-Wasser zur Reinigung von geölten Hölzern nicht eignet (die Seifen, die bei der Spaltung des Öls entstehen, sind für uns nicht gefährlich, aber die Holzoberfläche wird nicht mehr die selbe sein.

      Die Entstehung von nennenswerten Mengen von Schadstoffen durch Reaktionen zwischen den Dämpfen aus Holz und Javel-Wasser, ohne dass beide direkt in Kontakt kommen, halte ich für noch unwahrscheinlicher. Gerade Terpene zeichnen sich nämlich meist durch ihren Eigengeruch aus (die flüchtigen unter ihnen kennen wir als “ätherische Öle”) . So veranlassen sie uns, wenn sie uns stören, ohnehin zum gründlichen Lüften.

      Lüften sollte man grundsätzlich, wenn man mit flüchtigen Reinigungsmitteln oder anderen Chemikalien umgeht…denn so sammelt sich, was immer dabei entweichen, sich mischen oder entstehen sollte, erst gar nicht im Wohnraum an.

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